SPRINGEN: GRUNDSPRUNG-CHALLENGE

Virtuell und doch real

Aus vorgegebenen Positionen filmen die Heimtrainer die Sprünge. Zuerst direkt hinter dem Startbakken (Foto). Hier wird auf die gerade Körperachse geachtet. Foto: Barbara Enders

Sport, speziell der Wettkampfsport, treibt zu Zeiten der Corona-Pandemie teils seltsame Blüten. Bei den jungen Rhöner Skispringern sorgte die kurzfristige Absage der 38. Nord-Westdeutschen Mattenschanzen-Tournee erst einmal für Enttäuschung. Allerdings wurde als Ersatz die erste virtuelle Nord-Westdeutsche Grundsprung-Challenge aus der Taufe gehoben. Die erste Reaktion des Sprunglaufwartes des RWV Haselbach, Nico Chlebowy, war positiv: „Für mich klingt die virtuelle Tour super und interessant. Vor allem, da wir uns die Anreise und Übernachtung sparen. Zugleich haben die Kids wieder eine Möglichkeit des Wettkampfes.“

Auch der Trainer der Rhönadler, Maximilian Lange, sieht es nicht so tragisch. Durch diese Art der Durchführung haben seine Schützlinge eine gute Chance, ihr Können unter Beweis zu stellen. Während eines Wettkampfes muss in einer festgelegten Anzahl von Sprüngen die Leistung punktgenau abgerufen werden. Hier könnten die Sportler ihre Sprünge theoretisch beliebig oft wiederholen und den besten zur Wertung verschicken.

Das Reglement der virtuellen Grundsprung-Challenge besagt nämlich, dass die die Sportlerinnen und Sportler der Altersklassen Schüler 8 m/w bis einschließlich Schüler 15 m/w im Rahmen des Stützpunkttrainings Wertungssprünge in den einzelnen Kategorien des aus dem Deutschen Schülercup (DSC) bekannten Grundsprunges durchführen. Die Heimtrainer filmen die Sprünge aus vorgegebenen Positionen und wählen dann einen Sprung je Sportler und Bewertungszeitraum aus, der zur Auswertung verschickt wird.

Videos aus verschiedenen Perspektiven

Die Standorte zur Filmaufnahme sind genau definiert. Beim Video „Zentral von hinten“ muss die Aufnahme direkt hinter dem Startbakken erfolgen. Hier wird auf die gerade Körperachse geachtet: „Kopf – Anzugnaht – Spurmitte“ lautet eine der Vorgaben unter der Kategorie „Symmetrie Anfahrt“. Ebenfalls aus dieser Blickrichtung wird die „Symmetrie Flug“ bewertet. Der zweite Standort für die Aufnahmen ist der Schanzentisch, hier wird der Übergang zum Flug dokumentiert.

Das dritte Video zeigt schließlich die Landung der Springer. Für jedes Bewertungskriterium wurde ein Zeitraum von zwei Wochen festgelegt, in dem die Videos erstellt und in eine Cloud des Instituts für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT) der Uni Leipzig hochgeladen werden müssen. Das IAT bewertet die Sprünge neutral und stellt die Auswertungsbögen zeitnah zur Verfügung. Daraus wird es eine Gesamtwertung wie bei einer üblichen Tournee geben, um auch den Wettkampfgedanken nicht außen vor zu lassen.

Wettkampf ohne Zuschauer

Für die jungen Rhöner Sportler ist es nicht so schlimm auf ihren Heimatschanzen ohne Publikum zu starten, wie sie augenzwinkernd bestätigen. „Da bekommt man nicht sofort die Reaktion, wenn ein Sprung nicht so gelungen war“, erklärt eine junge Sportlerin und ihre Kollegen bestätigen das. Die Stimmung an den „Wettkampftagen“ ist gut. Sie finden immer samstags auf den Kreuzbergschanzen statt, genauso wie ihr Training, das sie nach den Pfingstferien wieder aufnehmen konnten.

Trainer Lange filmt natürlich nicht nur einen Sprung je Kriterium, sondern alle Sprünge seiner Schützlinge. Und das können ganz schön viele werden. Doch lässt er die Sportler nicht unbegrenzt oft springen. Konzentriert und ruhig gibt er den Jugendlichen letzte Anweisungen vor dem Start, macht gezielt Übungen zur Körperhaltung und -spannung.

„Gut, das war es“, ruft er nach dem Sprung einem Sportler zu. „Der Sprung war gut, der zweite in Folge. Jetzt muss er aufhören, damit sich beim nächsten Sprung kein Fehler einschleicht“, betont Lange. Denn die Sportler haben nach der Aufwärmphase und den Sprüngen schon einiges geleistet und werden müde und die Konzentration schwindet.

Auswertung am Computer

Konzentrieren muss sich jetzt der Trainer, dem nun die Aufgabe obliegt, die Videos der Sprünge zu analysieren, die besten auszuwählen und zu verschicken. Auf die Frage, ob das nicht eine sehr umfangreiche Arbeit sei, winkt Maximilian Lange entspannt lächelnd ab. „Ich filme sowieso jeden Trainingssprung, werte ihn aus und bespreche ihn mit jedem einzelnen Sportler.“

Und ganz ohne Zuschauer läuft das Skispringen auf den Mattenschanzen am Kreuzberg doch nicht ab, wie man sich vorstellen kann. Über die verschiedenen Waldwege kommen immer wieder Wanderer und Mountainbiker zu den Sprungschanzen und verweilen gerne etwas, um der für diese Jahreszeit ungewohnten Sportart zuzuschauen. Und ab und zu entfährt einem Zuschauer hinter dem Anlauf der K 50 ein „Huch – ist das hoch“.