Was macht eigentlich?

Nichts regt Birgit Gerbig so sehr auf wie Ungerechtigkeit und Lügen

Seit mehr als zwei Jahrzehnten gibt Birgit Gerbig (rechts) ihre Leidenschaft für den Handballsport als Trainerin weiter. Foto: Anand Anders

Als Kind stand Birgit Gerbig beinahe jeden Nachmittag auf dem Don-Bosco-Platz in Bad Neustadt und spielte mit den Jungs aus der Nachbarschaft Fußball oder Handball. Ihr Talent im Umgang mit dem Ball beeindruckte nicht nur ihre Mitspieler. Hans Söder, der langjährige Geschäftsführer des VfL Bad Neustadt, überzeugte sie, für den Verein Handball zu spielen. Als einige Jahre später Franz Beck anrief, entschloss sich Birgit Gerbig, in die Jugendmannschaft der DJK Würzburg zu wechseln. "Es gab ja die Option, später in die Bundesligamannschaft aufrücken zu dürfen", erinnert sie sich.

1977 zog sie als 16-Jährige nach Würzburg, wohnte anfangs bei einer Mitspielerin und trat ihre Arbeitsstelle bei der Deutschen Tagespost an. Und schaffte es bald darauf, in der Frauenmannschaft der DJK Fuß zu fassen. Die 1982 ihren größten Erfolg feierte, als sie Zweite der Bundesliga Süd wurde und ins Halbfinale um die deutsche Meisterschaft gegen Bayer Leverkusen einzog. Geprägt in ihrer sportlichen Entwicklung, so sagt Gerbig, wurde sie von Trainer Heinz Hoffmann und Co-Trainer Kilian Mark. Anfangs wurde sie am Kreis eingesetzt, später wechselte sie auf die Königsposition im linken Rückraum. Nicht nur ihre Sprung- und Wurfkraft zeichnete Birgit Gerbig aus. "Ich hatte ein gutes Eins-gegen-Eins gegen die Wurfhand", sagt sie. Fähigkeiten, die sie in einer Saison zur Torschützenkönigin der 2. Bundesliga Süd machten. 

Nach ihrem Abschied von der DJK Würzburg Ende 1990 und einem Abstecher zu den Fußballerinnen des FC Schweinfurt 05 kehrte Gerbig zum VfL Bad Neustadt zurück. Mehr als zwei Jahrzehnte ehrenamtliche Arbeit als Trainerin ("Ich versuche das, was mir so viel Spaß gemacht hat, an die jungen Leute weiterzugeben") und später auch Abteilungsleiterin würdigte der Verein vor einigen Jahren mit der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft. Vom Bayerischen Handball-Verband wurde sie mit dem Ehrenamtspreis ausgezeichnet.

Die 59-Jährige lebt in Hohenroth bei Bad Neustadt an der Saale. Bei der Main-Post ist sie als Gebietsleiterin Rhön-Grabfeld verantwortlich für die Koordination und Disposition der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Zustellung. "Zu meinen Hauptaufgaben zählt, dass jeden Morgen die Zeitungen und adressierten Sendungen pünktlich zugestellt werden", erklärt sie.

Frage: Wie erleben Sie die Corona-Krise und mit welchen Erwartungen gehen Sie in die nächsten Monate?

Birgit Gerbig: Es war für mich erschreckend, von jetzt auf nachher kein Handballtraining und keine Handballspiele mehr zu haben. Dafür kenne ich mich jetzt besser in meiner Wohnung aus. Es ist schon eine große Umstellung, wenn es nur zur Arbeit, eventuell zum Einkaufen und direkt wieder nach Hause geht. Jeden Tag der gleiche Trott. Ich stellte mir die Frage: Was machen all die Menschen, die alleine leben? Da habe ich es doch verdammt gut. Meine Eltern, mein Bruder mit seiner Familie und weitere Brüder wohnen in unserem Mehrgenerationenhaus. Wir können uns gegenseitig helfen und unterstützen. Ich denke, viele Menschen haben diese Möglichkeit nicht.

Ihre gegenwärtige Form?

Gerbig: Altersgerecht. Ich fühle mich fit.

Für welchen Sport bewegen Sie sich noch?

Gerbig: Neben der Tätigkeit als Handballtrainerin gehe ich gelegentlich wandern. Oder ich spiele im Garten mit den Nichten und Neffen zum Beispiel Fußball oder Federball. Mir wird nie langweilig.

Und was bewegt Sie?

Gerbig: Momentan echt die Pandemie. Vor allem die Menschen, die es überhaupt nicht wahrhaben wollen, dass die Gefahr mitten unter uns ist. Und im Allgemeinen Respektlosigkeit.

Wofür wären Sie heute gerne noch mal jung?

Gerbig: Ich bin wahrlich froh, in dieser Zeit geboren zu sein und zu leben. In den letzten Jahren ist es mit dem Fortschritt sehr schnell gegangen. Schade nur, dass Covid-19 kommen musste, um die Digitalisierung voranzutreiben.

Für das unterfränkische Pokalfinale gegen den TV Etwashausen kehrte Birgit Gerbig (Zweite von rechts) 2008 noch einmal auf das Handballfeld zurück. Foto: Anand Anders
Was schätzen Sie am Alter am meisten?

Gerbig: In Erinnerungen zu schwelgen und über die eine oder andere Dummheit zu lachen. Und Gelassenheit.

In welche Zeit würden Sie mit einer Zeitmaschine reisen und warum?

Gerbig: Ich lebe jetzt und hier.

Ihr Lieblingsort?

Gerbig: Neben der Handball-Halle genieße ich in meinen Urlauben die frische Luft beim Wandern oder am Meer. Da kann ich abschalten.

Was haben Sie vom Leben gelernt?

Gerbig: Immer offen und ehrlich zu sein. Dinge anzusprechen, die dem Gegenüber auch mal nicht gefallen. Hinterher kann ich mir nicht den Vorwurf machen, meine Meinung nicht geäußert zu haben. Selbst wenn sie nichts ändert.

Und was hat Sie der Sport gelehrt?

Gerbig: Niemals aufzugeben. Außerdem Disziplin, Ausdauer, Zielstrebigkeit und Kampf.

Bei welchem Thema werden Sie angriffslustig?

Gerbig: Bei Ungerechtigkeit und Mobbing.

Und wen oder was würden Sie immer verteidigen?

Gerbig: Jeden, der ungerecht behandelt oder gemobbt wird.

Wie waren die ersten Wochen nach Ihrem Karriereende in der Familie?

Gerbig: Na ja, es ging so. Einfach war es nicht. Ich habe mir dann noch meinen früheren Wunsch erfüllt, die Handball- gegen Fußballschuhe getauscht und in Schweinfurt beim FC 05 gespielt. Etwas später bin ich als Handballtrainerin bei meinem Heimatverein eingestiegen, um ihm etwas zurückzugeben.

Welchen Moment Ihres Lebens würden Sie gerne noch einmal erleben?

Gerbig: Einige Bundesligaspiele mit der DJK Würzburg. Oder auch die Spiele gegen die russische und die chinesische Nationalmannschaft in den 1980er Jahren. Unvergessen sind die internationalen Turniere mit der Bayernauswahl in Rom, auf Sardinien und auf Sizilien. Dort haben wir den dritten Platz gemacht. Den Pokal habe ich zu Hause.

Welches sportliche oder menschliche Foul würden Sie gerne rückgängig machen?

Gerbig: Es gab keines. Ich spiele hart, aber fair.

Wenn Sie nicht Sportler geworden wären – was dann?

Gerbig: Das ist eine schwere Frage. Es war damals ja kein Profigeschäft. Ich habe in mein Hobby all meine Freizeit eingebracht. Von klein auf hatte ich immer mit Sport zu tun. Es war gut, wie es abgelaufen ist. Ich bin mehr als zufrieden. Ich habe einen guten Job, der mich sehr ausfüllt.

Birgit Gerbig (am Ball, bei einem Zweitligaspiel 1984 gegen Auerbach) spielte fast eineinhalb Jahrzehnte lang für die DJK Würzburg als Kreisläuferin und im Rückraum. Foto: Birgit Gerbig
Ihr Lieblingssportler heute?

Gerbig: Es gibt so viele. Beim Fußball Thomas Müller vom FC Bayern München, beim Handball Andy Schmid von den Rhein-Neckar Löwen.

Was war das größte Abenteuer Ihres Lebens?

Gerbig: In den 1970er-Jahren hat mich mein Vater oft mitgenommen, wenn er Autogramme sammeln gegangen ist: zur Fußball-Nationalmannschaft, zu Trainingslagern von Bayern München oder dem 1. FC Nürnberg. Es war schon cool, als Elfjährige für ein Foto nicht nur neben den Fußballgrößen Deutschlands zu stehen. Bei der Fußball-WM 1974 WM in Deutschland habe ich Spieler wie Cruyff, Neeskens, Zoff, Franz Beckenbauer oder Gerd Müller hautnah gesehen.

Nach wessen Pfeife tanzen Sie heute?

Gerbig: Ich? Definitiv nur nach meiner eigenen.

Worüber haben Sie zuletzt gelacht?

Gerbig: Über die vorherige Frage. Spaß beiseite: Ich kann echt über vieles lachen. Zum Beispiel, wenn sich Leute in Fernsehsendungen wie "Deutschland sucht den Superstar" selbst blamieren. Oder über das Löffelspiel bei YouTube.

Was regt Sie auf?

Gerbig: Ungerechtigkeit und Lügen.

Wen bewundern Sie – und wofür?

Gerbig: Menschen, die sich wirklich durch nichts und niemandem von ihrem Weg oder ihrem Ziel abbringen lassen.

Wer oder was macht Sie glücklich?

Gerbig: Gesundheit, Zufriedenheit, mich mit Freunden zu treffen. Und natürlich in erster Linie meine Familie.

Und vor welchem Unglück fürchten Sie sich?

Gerbig: Vor einem, gegen das man nichts tun kann.

Was möchten Sie noch lernen?

Gerbig: Schwierige Frage. Ich denke, im Alter lernt man das eine oder andere unbewusst dazu.

Was möchten Sie unbedingt noch erleben?

Gerbig: Ich möchte mit ein paar kleinen Abstrichen bis zum bitteren Ende für mich alleine sorgen können.

Wovon träumen Sie?

Gerbig: Aktuell davon, die Corona-Pandemie endlich in den Griff zu bekommen.

Seit 2014 ist Birgit Gerbig (Mitte) Ehrenmitglied des VfL Sportfreunde Bad Neustadt. Foto: Karin Nerche-Wolf
Welche Botschaft würden Sie (jungen Sportlern) gerne hinterlassen?

Gerbig: Trainiert hart und seid hart zu euch selbst. Wenn man etwas absolut erreichen will, schafft man es auch. Zeigt eisernen Willen und Ausdauer. Seid dabei aber nicht verbissen und vergesst Freunde und Familie nicht. Seid autark. Es lohnt sich.

Als wer oder was würden Sie wiedergeboren werden?

Gerbig: Ich bin zufrieden mit meinem Leben. Warum also nicht wieder als die Person, die schon mal hier war.

Die Reihe: Was macht eigentlich...?

Fast jeder in der Region kennt sie – aber kaum einer weiß, was sie heute machen. Früher waren sie erfolgreiche Sportler, Trainer oder Funktionäre. Doch wenn sie nach ihren Karrieren nicht mehr im Scheinwerferlicht der Arenen, Hallen und Stadien stehen und damit im Fokus der Öffentlichkeit, verschwinden sie in der Regel auch aus den Schlagzeilen.
In unserer neuen Reihe „Was macht eigentlich . . . ?“, die in losen Abständen erscheint, haben wir uns auf die Suche gemacht nach Menschen, die den Sport in Unterfranken im vergangenen Jahrhundert oder Jahrzehnt auf irgendeine Weise geprägt haben. Wir haben ihnen allen den gleichen Fragebogen zukommen lassen und sie gebeten, ihn für uns auszufüllen. Darin blicken sie zurück auf ihre Karrieren, verraten, was sie gegenwärtig auch jenseits des Sports bewegt und wovon sie in Zukunft noch träumen.
Sie wollen wissen, was aus einer ehemaligen lokalen Sportgröße geworden ist? Dann schreiben Sie in die Kommentare, über wen Sie gerne mehr erfahren würden. Wir versuchen, die Sportler zu kontaktieren, um herauszufinden, was sie eigentlich machen.
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