FUßBALL:

Groundhopper Mecky ist auf Entzug

Stadionbesuch im afrikanischen Lesotho: Die Kinder vor Ort wollten unbedingt ein gemeinsames Bild mit Groundhopper Markus Menninger, genannt Mecky. Foto: Markus Menninger

Fußballfans haben aktuell unfreiwillig viel Zeit. Seit Anfang März ruht der Ball nicht nur in Deutschland, sondern bis auf wenige Ausnahmen auch weltweit. Zwar wird in der 1. und 2. Bundesliga seit vorvergangenem Wochenende wieder gekickt, Zuschauer wird es auf absehbare Zeit aber nicht in den Stadien geben. Und somit muss sich auch der aus Hollstadt stammende Markus Menninger weiterhin gedulden, ehe er wieder auf Reisen und die Suche nach neuen Fußballstadien gehen kann.

Umgerechnet etwa 25 Mal die Welt umrundet

Der 54-Jährige, der von fast allen nur Mecky genannt wird und seit vielen Jahren in Nürnberg lebt, ist leidenschaftlicher Groundhopper. Der Begriff stammt aus dem Englischen und bedeutet sinngemäß übersetzt das Hüpfen von Stadion zu Stadion. Die große Leidenschaft der Groundhopper ist es, möglichst viele Fußballspiele in unterschiedlichen Stadien zu besuchen. Mecky, der in den 1990er Jahren mit dem TSV Hollstadt einige Jahre in der Bezirksliga spielte, steht aktuell bei 1674 besuchten Spielen in 93 Ländern. Dafür hat er über 1 000 000 Kilometer zurückgelegt – umgerechnet also etwa 25 Mal die Welt umrundet.

„Eigentlich wollte ich Ende März mit Spielen in Indien und Nepal die Länderpunkte 94 und 95 einfahren“, sagt Mecky. Neben dem Besuch der beiden WM-Qualifikationsspiele Indien gegen Katar (in Bhubansewar) und Nepal gegen Australien (in Kathmandu) standen zudem ein Tagesausflug zum Weltkulturerbe Taj Mahal und ein Hubschrauberflug über das Himalaya-Gebirge auf dem Programm. Die Ausbreitung des Coronavirus machte ihm jedoch einen Strich durch die Rechnung.

Reise nach Bergamo im März kurzfristig abgesagt

„Ich verstehe die Situation natürlich. Es ist wichtig, dass wir dem Virus mit dem nötigen Respekt begegnen. Die Gesundheit steht eindeutig im Vordergrund“, sagt Mecky. Vor der Reise nach Indien und Nepal hatte er für Anfang März noch eine zweitägige Tour nach Italien geplant. Mit dem Flugzeug sollte es von Nürnberg nach Bergamo gehen, um unter anderem zwei Spiele der Serie A in Ferrara und Florenz zu besuchen. Letztlich spitzte sich in Italien Anfang März die Lage aber immer weiter zu und Mecky entschloss sich, die Tour drei Tage vor Reisebeginn abzusagen. Tickets für die Fußballspiele hatte er noch keine und die Hotelübernachtungen konnte er stornieren. Lediglich auf den Kosten für Hin- und Rückflug blieb er sitzen. „Heute bin ich froh, dass ich nicht nach Bergamo geflogen bin. Dort war ja dann auch das Corona-Epizentrum in Italien“, zeigt sich Mecky erleichtert.

Da an Auslandsreisen und Fußballspiele mit Fans noch lange nicht zu denken ist, bleibt Mecky aktuell nur die Erinnerung an seine bisherigen Touren auf der ganzen Welt – und davon hat er mehr als genug. In seinem zum Arbeitszimmer umfunktionierten Wohnzimmer denkt er zwischen Wimpeln, Fahnen und Postern an seine zahlreichen Reisen zurück und hat dabei einige spannenden Anekdoten auf Lager. „In Europa habe ich bereits in allen Ländern Fußballspiele besucht, in Deutschland in allen Stadien von der ersten bis zur 3. Liga“, verrät Mecky. Dabei sei er in Sachen Groundhopping eigentlich ein Spätzünder gewesen. „Anfangs habe ich nur Spiele mit Beteiligung des VfB Stuttgart besucht“, sagt der glühende Anhänger der Schwaben. Schnell führten ihn die Reisen dann aber auch ins Ausland.

Zusammen mit Jogi Löw im Flugzeug nach Island

Als der VfB 1997 im Europapokal der Pokalsieger an den Start ging, war für Mecky klar, dass er nun auch erstmals ein Fußballspiel im Ausland besuchen wollte – unabhängig vom Gegner. Die Auslosung war dann auf den ersten Blick doch eine kleine Enttäuschung, musste der VfB doch bei IBV Vestmannajar auf Island antreten. Die Anreise erfolgte letztlich per Flugzeug zusammen mit der Mannschaft. Sowohl beim Hin- als auch beim Rückflug mischten sich VfB-Spieler wie Fredi Bobic und der damalige Trainer Jogi Löw unter die Fans. Zudem wurden zwei der vielen Transportkisten nicht mit Trikots oder Bällen, sondern mit Bierdosen gefüllt – bei den hohen Bierpreisen auf Island sicher keine schlechte Idee.

Sechs Jahre später spielte der VfB Stuttgart dann sogar in der Champions League und Mecky war natürlich bei den Auslandsreisen wieder dabei. Die Auslosung bescherte den Schwaben diesmal drei echte Traumlose – Panathinaikos Athen, Glasgow Rangers und Manchester United mit Spielern wie Ruud van Nistelrooy oder Christiano Ronaldo. „In den ersten Jahren war ich eigentlich nur mit dem VfB unterwegs und habe dabei auch meine ersten 20 Länderpunkte gemacht“, sagt Mecky. Die Leidenschaft für das Groundhopping packte ihn dann erst im Jahr 2005, als er beruflich drei Monate in England tätig war. „Ich besuchte auf der Insel Spiele der 1., 2. und 3. Liga und auch einige Partien der Frauen-EM im Norden Englands. Danach war der Funke endgültig übergesprungen.“

Was den 54-Jährigen am Groundhopping begeistert? „Man trifft auf den Reisen die unterschiedlichsten Charaktere, lernt neue Kulturen kennen und entdeckt auch kulinarisch immer wieder etwas Neues.“ Je ausgefallener die Reiseziele, desto schwieriger gestalten sich oft die Planungen im Voraus. „Das reizt mich aber. Ich liebe es zu recherchieren, Pläne zu schmieden, wie ich von A nach B komme und anschließend die Route danach zusammenzustellen.“ Ist eine Tour dann fertig geplant, finden sich oft auch Freunde und Gleichgesinnte, die ihn begleiten. „Ich habe einen Schweizer Kumpel, der sehr kulturinteressiert ist und mit dem ich oft zusammen unterwegs bin. Dann ist das kulturelle Programm meist etwas ausgedehnter, aber der Fußball steht dennoch immer im Mittelpunkt.“

Einmal im Jahr bestimmt Freundin Heike das Reiseziel

Eine Ausnahme gibt es dann aber doch: Mindestens einmal pro Jahr steht für Mecky ein „normaler“ Urlaub mit seiner Partnerin Heike auf dem Programm. „Dann hat Heike alle Freiheiten, außer dass ich den einen oder anderen Wunsch bezüglich eines Fußballspiels äußern darf“, sagt Mecky. Der Beziehung hat seine Leidenschaft zum Fußball aber bis heute nicht geschadet. „Sie hat mich ja schließlich vor über zehn Jahren auch als Fußball-Chaot kennengelernt.“ Aber selbst bei diesen Reisen kann Mecky das Planen nicht lassen, sodass an den Partnerurlaub oft noch die eine oder andere Woche Fußballurlaub dran gehangen wird. „Das geht natürlich nur, da ich einen guten Arbeitgeber habe, der mir die nötigen Freiheiten lässt. Zudem gönne ich mir einmal pro Jahr einen Sabbatical-Monat.“

Fotoshooting mit den afrikanischen Kindern

Im Frühjahr 2015 nutzte Mecky so die Gelegenheit und verbrachte nach zwei Wochen Urlaub mit Heike in Südafrika vier weitere Wochen auf dem afrikanischen Kontinent. Bereits bei seinem ersten Afrikabesuch im Jahr 2008 in Ghana hatte er sich von der Gastfreundlichkeit und der fröhliche Stimmung begeistert gezeigt. „Das Fußballspiel war zwar für die Fans im Stadion eher nebensächlich, dafür herrschte eine super Stimmung. Hauptsache Party würde ich es beschreiben.“ 2015 ging es für Mecky dann unter anderem nach Lesotho. In der Halbzeitpause kamen viele Kinder auf ihn zu, um ein gemeinsames Foto zu machen. „Jeder der kleinen Jungs wollte natürlich das Bild am Handy mit mir ansehen. Als ich nach dem Spiel wieder in Richtung Südafrika startete, standen die ganzen kleinen Lesothos an der Straße und winkten“.

Mit dem „Taxifahrer des Todes“ im italienischen Neapel unterwegs

Dass es auch in Europa teilweise recht abenteuerlich zugeht, erfuhr der fußballverrückte Franke im süditalienischen Neapel. Nach einem Spiel im altehrwürdigen Stadio San Paolo fuhren keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr zurück in die Stadt. Der Grund: Nicht die späte Uhrzeit, sondern der Umstand, dass alle Waggons wie immer zerlegt wurden. Also mussten Mecky und seine Begleiter auf ein Taxi umsteigen. „Dass in Italien und vielleicht auch speziell in Neapel wild Auto gefahren wird, dürfte hinlänglich bekannt sein. Wir haben aber den Taxifahrer des Todes erwischt. Aggressiv und schnell sind Worte die dem Fahrstil aber nur zu 30 Prozent gerecht werden“, ist Mecky froh, diese Fahrt unbeschadet überstanden zu haben.

Weniger abenteuerlich, dafür genauso interessant war der Besuch eines Regionalligaspiels in Norddeutschland. Da Mecky alle Stadien ab der Landesliga aufwärts zählt, führt es ihn hin und wieder auch in weniger bekannte Städte und Dörfer Deutschlands. Im Oktober 2015 hatte er sich das Duell zwischen dem BSV Schwarz-Weiß Rehden und dem SV Drochtersen/Assel ausgesucht. Als er vor Ort die Hotelangestellte nach Abendveranstaltungen in dem 3 000-Einwohner-Ort fragte, bekam er nur die Antwort: „In Rehden gibt es den Fußballverein und Bauern – sonst nichts.“ Letztlich sollte Mecky nach dem Spiel aber genau mit einem solchen Bauern auf eine Entdeckungstour durch das niedersächsiche Dorf gehen, die in der eigentlich geschlossenen Dorfkneipe tief in der Nacht endete. Das Ergebnis des Fußballspiels (0:1) war da schon fast vergessen.

Neue Reiseziele schon geplant: Simbabwe, Malawi, Philippinen

Falls es die Lage zulässt, soll es Ende des Jahres für Mecky dann aber wieder auf Reisen in die weite (Fußball-)Welt gehen. „Wenn man am Wochenende nur staubsaugt, im Garten arbeitet oder die Steuer macht, dann darf man auch schon mal ein bisschen in die Zukunft schauen“, sagt Mecky. Und schon ist er wieder in seinem Element, schaut nach Ländern, in denen er noch nicht war und bastelt passende Touren zusammen. „Im Oktober 2020 und im März 2021 will ich mit meiner Freundin zu größeren Reisen nach Südafrika und Neuseeland aufbrechen“, sagt Mecky. Rund um diese Urlaube soll dann auch wieder Station in weiteren Ländern gemacht werden. Simbabwe, Sambia und Malawi sind so schon fix eingeplant. Außerdem stehen Länder wie Indonesien oder die Philippinen ganz oben auf der Prioritätenliste. Dann wird der fußballverrückte Franke sicher auch wieder einiges zu erzählen haben.

„Meckys“ Hopper-Daten

1674 besuchte Spiele

1 018 000 Reisekilometer

93 Länderpunkte

863 Grounds

7 komplette Ligen

Erstes besuchtes Spiel:

SV Darmstadt 98 – VfB Stuttgart am 9. Juni 1979 (1:7)

Diese Weltkarte hängt im Arbeitszimmer von Markus Menninger. In den den rot markierten Ländern hat er bereits Fußballspiele besucht. Foto: Markus Menninger
Zwischen Landkarten und Mitbringseln von seinen unzähligen Reisen hat Markus Menninger seinen Arbeitsplatz in Zeiten von Corona im heimischen Wohnzimmer eingerichtet. Foto: Markus Menninger
VfB-Fan Mecky am Kap der guten Hoffnung in Südafrika. Foto: Markus Menninger