Stockheim

Des Drechslers Stärke sind die runden Werke

Beim Drechseln muss man sich voll auf das Werkstück konzentrieren, dabei kann man wunderbar vom Alltag abschalten. Foto: Archiv Björn Hein

Einem Drechsler bei der Arbeit zuzusehen ist faszinierend. Das an der Drehbank eingespannte Werkstück wird mit nur wenigen Werkzeugen wie der Röhre oder dem Flachmeißel bearbeitet. Sozusagen im "Handumdrehen" entstehen so filigrane Kunstwerke, wie sie nur beim Drechseln gefertigt werden können.

Beim Drechseln entstehen nicht nur schöne kleine Kunstwerke. Man kann dabei auch wunderbar entspannen, weiß Andreas Scholl. Foto: Björn Hein

Andreas Scholl kann sich noch genau erinnern, wie ihn damals vor 35 Jahren das "Drechsel-Virus" befiel, das ihn bis heute nicht loslässt: "Die Pfeffermühle meiner Schwiegermutter war zu kopflastig und ich wollte sie abändern". Hierfür kaufte er sich einen Bohrmaschinenvorsatz, der allerdings bald kaputt ging. Die Sache war klar: Es musste eine größere Drechselbank bei, gerne auch gebraucht. Gesagt, getan.

Auch Gebrauchsgegenstände wie diese Schale entstehen buchstäblich im Handumdrehen. Foto: Björn Hein

Eigentlich hätte Andreas Scholl auch gerne eine Berufsausbildung als Drechsler gemacht. "Allerdings wurde daraus leider nichts", sagt er mit einigem Bedauern. So lernte er schließlich Schreiner. "Eigentlich hatte ich ja Lehramt studiert und bereits das 2. Staatsexamen absolviert. Da die Lage auf dem Stellenmarkt damals allerdings sehr schwierig war, begann ich noch eine Schreinerlehre". Da er aber immer noch mit Leib und Seele Pädagoge ist, hat Andreas Scholl in seinem Beruf beides verbunden: Er arbeitet jetzt in Bad Kissingen an der Berufsschule, wo er junge Leuten, die an der Schwelle zum Berufsleben stehen, für das Arbeiten mit dem Material Holz zu begeistern versucht.

Interessante Historie des Drechselns

Doch auch mit der Historie des Drechselns hat sich Andreas Scholl befasst. Mit Kollegen vom DDT, dem Dreiländer Drechsler Treff, hat er in Münnerstadt bereits eine große Ausstellung organisiert. "Leider gibt es in Deutschland nur noch sehr wenige Drechselbetriebe, ich schätze mal derzeit so circa 800", sagt der Hobbydrechsler. Früher sei das ganz anders gewesen. Scholl sagt, dass die Hochzeit des Handwerks um 1880, in der so genannten Gründerzeit lag. "Damals war jedes Möbel mit Drechselteilen verziert", so Scholl. Ein Paradies für Drechsler. Der Niedergang ließ jedoch nicht lange auf sich warten. Der so genannte Hempel-Automat, mit dem die Produktion automatisiert wurde, läutete den langsamen Untergang des Drechselhandwerks ein. Der eher mit floralem Schmuck versehene Jugendstil, der sich anschloss, verzichtete auf überflüssige Schnörkeleien und "überdrehtes" Dekor.

Seine größten Veränderungen erfuhr das Drechseln laut Scholl allerdings in der Barockzeit. Hier wurden neue Techniken eingeführt, die ganz neue Werkstücke möglich machten. "Ohne den Barock wäre es vielleicht nie zur Industrialisierung gekommen", mutmaßt der Hobbydrechsler. Besonders der Geschwindigkeitszuwachs sei es gewesen, der für das Drechseln gesprochen habe. "Es ist wiederholgenauer und geht außerdem viel schneller, als etwas zu schnitzen", so Scholl fachkundig. So seien in dieser Zeit die Drechsler die schnellsten und produktivsten Holzarbeiter gewesen. Sie übernahmen dabei auch Tätigkeiten wie das Bohren. Schließlich gab es noch keine Tischständerbohrmaschinen.

Drechseln formt den Charakter

Dass das Drechseln auch den Charakter formt: Dieser Tatsache war man sich schon im Barock bewusst. Heute ist in Vergessenheit geraten, dass die Kinder der Fürsten oft eine handwerkliche Ausbildung machten. Hofdrechsler mussten dem zukünftigen Regenten ein Problem vorstellen, der dann eine kreative Lösung erarbeiten sollte. "Die Idee dahinter war: Wer ein handwerkliches Problem lösen kann, der kann auch sein Volk regieren", so Scholl. Ob dies dann tatsächlich so war, weiß man natürlich im Nachhinein nicht so genau. Aber das Erlernen eines Handwerks hat auch noch nie geschadet.

Auch heute kann man den Beruf des Drechslers noch erlernen. Die Berufsschule für dieses Handwerk befindet sich in der Region, nämlich in Bad Kissingen. Doch wer sich für das Drechseln interessiert, der muss nicht gleich den Beruf lernen. Andreas Scholl bietet in seiner neuen Werkstatt in der Mellrichstädter Straße 24 in Stockheim auch Kurse an. Ab Ende September geht es los, die Werkstattfläche umfasst 90 Quadratmeter, sodass das Hygienekonzept der Volkshochschulen ohne Probleme umgesetzt werden kann. Und wenn man erst einmal bei einem Kurs hineingeschnuppert hat, wird man vielleicht selbst vom Drechselvirus befallen. Dies führe aber in den seltensten Fällen zum Tode, scherzt Scholl.

In seiner neuen Werkstatt in Stockheim wird Andreas Scholl auch wieder Drechselkurse anbieten. Die Ausstattung dafür ist schon vorhanden Foto: Björn Hein

"Es muss nicht teuer sein, das Drechseln zu seinem Hobby zu machen", weiß Andreas Scholl. Für rund 1000 Euro bekommt man schon eine annehmbare Ausrüstung. So kostet die Drechselbank in einfacher Ausführung rund 300 Euro. Für das Werkzeug muss man zwischen 300 und 350 Euro veranschlagen. Eine vernünftige Schleifmöglichkeit für das Werkzeug braucht man auch. Das benötigte Holz bekommt man im Regelfall gratis aus dem Brennholzvorrat beim Schreiner oder Zimmerer. "Natürlich kann man für eine Drechselbank aber auch 8000 Euro ausgeben. Nach oben keine Grenze", sagt Scholl mit einem Schmunzeln.

Drechsler können auch kleine, filigrane Kunstwerke erschaffen. Foto: Archiv Björn Hein

Was fasziniert am Drechseln?

Aber was ist jetzt eigentlich das Faszinierende am Drechseln? "Man kann in kürzester Zeit wahre Kunstwerke fertigstellen. Mit anderen Methoden wie dem Schnitzen würde das viel länger dauern", berichtet Scholl. Aber - und das ist vielleicht das Wichtigste: Man kann sich voll auf die Tätigkeit konzentrieren. "Dadurch wird man aus dem Alltag herausgerissen und taucht in eine andere Welt ein", schwärmt der Drechsler. 

Zum Hobby gehören natürlich auch das Fachsimpeln sowie der Austausch mit Gleichgesinnten. Hierzu bietet der Stammtisch DDT - Dreiländer Drechsel Treff zahlreiche Möglichkeiten. "Wir organisieren Ausflüge, besuchen Messen und kümmern uns auch gemeinsam um die Holzbeschaffung. In der derzeitigen Krise ist der lose Zusammenschluss der Hobbydrechsler aus der Region situationsbedingt allerdings nicht so aktiv wie sonst", sagt Scholl. Die Besucher des DDT eint dabei ihr gemeinsames Hobby genauso wie die Liebe zum Werkstoff Holz. "Drechsler kann eigentlich jeder werden. Man braucht ein Gespür für das Material und muss sich auf den Werkstoff einlassen", so Scholl. Wenn man die Grundprinzipien verstanden habe, dann sei es nicht schwer. Für Anfänger wie Könner bietet das Drechseln immer wieder Neues.

Die korrekte Führung des Werkzeugs ist sehr wichtig. Dies bedarf einiger Übung. Foto: Björn Hein

Wer selbst einmal einen Drechselkurs bei Andreas Scholl besuchen will, der kann sich unter ddt-hobbydrechsler.npage.de weitere Infos einholen. Sehenswert ist auch der Youtube-Kanal von Andreas Scholl, im Suchfenster am besten einfach "Andreas Scholl Drechseln" eingeben.