Mellrichstadt

Corona: Nahezu komplette Wohnstätte der Lebenshilfe in Mellrichstadt infiziert

In einer Wohnstätte der Lebenshilfe in Mellrichstadt sind 22 Bewohner positiv auf das Coronavirus getestet worden, zwei weitere Bewohner zeigen coronatypische Symptome (Symbolbild). Foto: Manu Fernandez

Nach dem Corona-Ausbruch im Anschluss an eine Hochzeit im Raum Bad Königshofen Mitte September sind die Infizierten-Zahlen im Landkreis Rhön-Grabfeld zuletzt wieder gestiegen, die kritische Grenze von 50 beim 7-Tage-Inzidenz-Wert wurde am Donnerstag, 1. Oktober, laut Robert-Koch-Institut gar wieder überschritten.

Nun hat sich mit der Wohnstätte der Lebenshilfe Rhön-Grabfeld in Mellrichstadt ein zweiter Schwerpunkt herausgestellt. Die entsprechenden Informationen dieser Redaktion bestätigte Jens Fuhl, Geschäftsführer der Lebenshilfe Rhön-Grabfeld, am Donnerstagmittag auf Nachfrage. Insgesamt bietet die Einrichtung 25 Menschen mit Behinderung Platz. 22 Bewohner sind laut Fuhl bereits positiv auf das Coronavirus getestet worden, zwei weitere Bewohner zeigen coronatypische Symptome. Hinzu kommen noch einige Mitarbeiter, die sich ebenfalls infiziert haben und sich zum Teil in häuslicher Quarantäne befinden oder befanden.

Virusübertragung aus Lebenshilfe-Wohnstätte in Hohenroth

Der Ursprung für den größeren Ausbruch in Mellrichstadt gehe, so Jens Fuhl, auf eine infizierte Mitarbeiterin der Lebenshilfe-Wohnstätte in Hohenroth (Landkreis Rhön-Grabfeld) zurück. Bereits am 25. September hatte der Landkreis Rhön-Grabfeld in seinem Update von anzunehmenden Infektionsketten und umfangreichen Testungen in der Werkstätte Hohenroth und in einem Wohnheim in Mellrichstadt gesprochen und auch positive Fälle diesbezüglich bekanntgegeben.

Seit vergangenem Samstag, als in Mellrichstadt die ersten Infektionen bei vier Bewohnern nachgewiesen werden konnten, begann in der Wohnstätte eine "Herkulesaufgabe", wie es der Geschäftsführer bezeichnete. Infektionsstationen und Schleusen innerhalb der Wohnstätte in der Suhlesstraße mussten aufgebaut und immer wieder räumlich verlegt werden. Der einzige Bewohner, der bislang keine Symptome zeigt, wurde von den anderen isoliert.

Keine medizinischen Fachkräfte am Werk

Eine große Schwierigkeit ist laut Jens Fuhl, dass es sich bei den Mitarbeitern um Erzieher beziehungsweise Heilerzieher handelt, also nicht um medizinische Fachkräfte. "Da sind unsere Möglichkeiten eben einfach begrenzt", sagte Fuhl. Vier Bewohner, die Vorerkrankungen haben, waren daher zwischenzeitlich zur besseren Beobachtung und zur Vorsorge in den Rhön-Klinikum Campus eingeliefert worden. Bis auf eine Person sind diese mittlerweile aber wieder zurück im Mellrichstädter Heim. In Lebensgefahr befindet sich - Stand Mittwoch - keiner der Bewohner.

Essenausgabe nur in kompletter Schutzausrüstung. Die "Marsmenschen" in der Wohnstätte der Lebenshilfe in Mellrichstadt sorgen dafür, dass die Versorgung der Bewohner trotz des großen Corona-Ausbruchs sichergestellt werden kann. Foto: Jens Fuhl

Jens Fuhl denkt in diesen schwierigen Tagen, in denen langwierige Telefonate zur Bewältigung des Ausbruchs bis in den späten Abend hinein nahezu zur Normalität geworden sind, aber nicht nur an die infizierten Bewohner, sondern gerade auch an die Mitarbeiter. Die Personalstärke sei ohnehin auf Kante genäht und die psychische Belastung, ein Risiko auch für seine Mitmenschen darzustellen, sei hoch. Fuhl ist stolz auf deren "unglaubliche Arbeit. Sie tragen uns durch diese Krise."

"Marsmenschen" in kompletter Schutzmontur

Nach Rücksprache und Erlaubnis durch das Gesundheitsamt dürfen mittlerweile auch wieder positiv getestete Mitarbeiter, die über keine Symptome klagen, arbeiten. Dies muss ausschließlich mit kompletter Schutzausrüstung erfolgen. Die Versorgung der Bewohner könnte ohne die "Marsmenschen", wie sie Fuhl aufgrund des Aussehens mit der Schutzausrüstung bezeichnet, kaum noch aufrechterhalten werden.

Ausdrücklich loben will Jens Fuhl die Heimaufsicht und das Gesundheitsamt des Landkreises, die immer nahe dran gewesen seien und rund um die Uhr mit den Verantwortlichen engen Kontakt gehalten hätten. Solche Hilfe, wie sie auf Landkreisebene bestehe, würde sich der Geschäftsführer auch von höherer Stelle wünschen. "Wir fühlen uns auf bayerischer Ebene schon alleine gelassen", bemängelt er. Es sei zwar viel diskutiert und gesprochen worden - in der Krise sei man trotz der geschnürten Rettungspakete aber wieder vergessen worden.

Notfallpläne funktionieren nur im Ansatz

Die Notfallpläne würden, so Jens Fuhl, nur im Ansatz funktionieren, auch, weil sich nahezu stündlich neue Situationen ergeben würden. "Vielmehr wäre es ratsam, wenn vom Freistaat ein Kriseninterventionsteam gestellt werden würde", schlägt er vor. Stattdessen würden per Fingerzeig Pandemie- oder Hygienebeauftragte bestimmt, obwohl diejenigen nicht über das nötige Wissen in dem Bereich verfügen würden. Die Heimleitungen seien außerdem seit Wochen dauerhaft im Einsatz, um sich daneben auch um die nötige Personalplanung zu kümmern.

Stolz ist Jens Fuhl, was für eine positive Stimmung trotz der schwierigen vergangenen Tage in der Einrichtung herrscht. "Das müsste man mal vor Ort gesehen haben, um es zu glauben", sei ihm gesagt worden. Gesagt, getan. Fuhl packte bei der Essenausgabe zuletzt selbst an.

Anmerkung:  Wenn in diesem Artikel von "Hohenroth" die Rede ist, handelt es sich um den Ort im Landkreis Rhön-Grabfeld. Es besteht in diesem Fall keinerlei Zusammenhang zum Ort Hohenroth bei Gemünden am Main und das dortige SOS-Kinderdorf.