Mellrichstadt

Corona-Ausbruch in Lebenshilfe-Wohnstätte: Entspannung, aber keine Entwarnung

Ausbruch: 22 von insgesamt 25 Bewohnern der Lebenshilfe-Wohnstätte in Mellrichstadt haben sich mit Corona infiziert. Foto: Steffen Sauer

Erst war es eine folgenreiche Hochzeitsfeier in Bad Königshofen , die den Landkreis Rhön-Grabfeld aufgrund einiger positiver Fälle deutschlandweit zu einem Corona-Hotspot werden ließ. Dass der Landkreis mit rund 80 000 Einwohnern auch nach der Nachvollziehung der Infektionsketten dieser Feierlichkeit nicht zur Ruhe kam, lag kurz darauf an einem weiteren größeren Corona-Ausbruch.

In einer Wohnstätte der Lebenshilfe Rhön-Grabfeld in Mellrichstadt breitete sich das Coronavirus innerhalb weniger Tage rasant aus . 22 der insgesamt 25 Bewohner mit Behinderung sind positiv getestet worden. Bei zwei Bewohnern, die zwischenzeitlich ebenfalls über coronatypische Symptome klagten, konnte Jens Fuhl, Geschäftsführer der Lebenshilfe Rhön-Grabfeld e.V., mittlerweile Entwarnung geben.

Drei Bewohner liegen derzeit im Krankenhaus

"Die Situation beruhigt sich, es geht langsam aufwärts und es gibt Licht am Ende des Tunnels", verliert Fuhl trotz der Krise, die ihn und seine Mitarbeiter seit mittlerweile über einer Woche auf Trab hält, nicht den Optimismus. Dass sich die Situation aber noch nicht vollends wieder entspannt hat, zeigt die Tatsache, dass über das Wochenende drei Bewohner ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten, einer davon befindet sich aufgrund von Lungenproblemen vorsorglich auf der Intensivstation.

Während einige Corona-Erkrankte in der Einrichtung laut Fuhl schon wieder symptomfrei sind, ist der Gesundheitszustand bei anderen schwankend. "Da gibt es einen guten Tag, da ist dann die Körpertemperatur gesunken und sie fühlen sich gut. Andere haben wiederum erhöhte Temperatur, fühlen sich schlapp und müde", so der Geschäftsführer. Der Gesundheitszustand der Bewohner werde daher weiter engmaschig überwacht - eine weitere Herausforderung für die Mitarbeiter dort.

Stolz auf die Mitarbeiter "am Limit"

Arbeit nur mit kompletter Schutzausrüstung. Die "Marsmenschen" in der Wohnstätte der Lebenshilfe in Mellrichstadt sorgen dafür, dass die Versorgung der Bewohner trotz des großen Corona-Ausbruchs sichergestellt werden kann. Foto: Jens Fuhl

"Sie leisten momentan Übermenschliches", ist Jens Fuhl stolz auf ihre Arbeit in diesen schwierigen Tagen. Und das, obwohl das Team aufgrund der Tatsache, dass sich auch einige Mitarbeiter angesteckt haben und deshalb ausfallen, ausgedünnt ist und die Truppe, "welche am Limit arbeitet", mit externen Mitarbeitern teilweise neu zusammengewürfelt wurde. Die Stimmung sei aber weiterhin positiv. "Die Sorge um die Bewohner hebt die Motivation der Mitarbeiter noch einmal", so Fuhl, der offen mit dieser Situation umgeht und sich auch "nicht verstecken will".

Auch deshalb versuche man weiter herauszubekommen, wie es dazu kommen konnte, dass sich beinahe die komplette Wohnstätte infizieren konnte. Klar ist, dass der Ausbruch in Mellrichstadt auf eine infizierte Mitarbeiterin der Lebenshilfe-Wohnstätte in Hohenroth (Landkreis Rhön-Grabfeld) zurückgeht.

Räumliche Trennung nach ersten bestätigten Fällen

Eine Erklärung könnte laut Jens Fuhl sein, dass es Unterschiede bei der Inkubationszeit gegeben hat. "Bei der ersten Testung sind vier positive Fälle festgestellt worden. Direkt danach haben wir sofort eine strikte räumliche Trennung innerhalb der Wohnstätte vorgenommen", erklärt Fuhl das Vorgehen. Sprich, in einem Flügel ist eine "Infiziertenstation" mit Schleusen für die Mitarbeiter errichtet worden. Im anderen Flügel durften sich nur noch die Nicht-Infizierten aufhalten. Die Mitarbeiter hatten ihren festen Arbeitsplatz, ein Kontakt untereinander fand nicht mehr statt.

Jens Fuhl ist sich daher sicher, dass die anderen, bis dato noch nicht positiv Getesteten, zu diesem Zeitpunkt schon infiziert waren. Die Situation in dieser Wohnstätte sei auch nicht mit der in einer Pflegeeinrichtung zu vergleichen. Das Heim in Mellrichstadt sei wie eine Familie aufgebaut, es herrsche aufgrund der hohen Pflegebedürftigkeit viel mehr Körperkontakt, der "nicht zu vermeiden ist", so Fuhl. Zudem habe die Mitarbeiterin aus Hohenroth bei ihrem Aufenthalt in Mellrichstadt noch gar nicht gewusst, dass sie selbst infiziert war und das Virus trotz Schutzausrüstung weiter getragen hat.

Bewohner gehen mit Krise gelassener um

Wie die Menschen mit Behinderung allgemein mit der Bewältigung von Corona umgehen? "Für unsere autistischen Bewohner ist es brutal, da sie ihre gewohnten gleichen Abläufe brauchen", sagt Jens Fuhl. Die meisten anderen Bewohner würden sich gut auf die Situation einlassen. "Das haben sie uns voraus. Sie denken nicht kompliziert, haben keine Ängste, gehen mit der Krise gelassener um und finden schneller zurück zu ihrer Mitte", so der Geschäftsführer.

Von ihnen könne man sich eine Portion Mut abholen, sie seien zufriedener und könnten sich schneller wieder auf die wesentlichen Dinge konzentrieren. Auch deshalb bezeichnete Jens Fuhl die Wohnheime als "Tankstelle, in denen ich die kleinen Alltagssorgen ganz schnell vergessen kann".

Landrat erkundigte sich in Mellrichstadt

Nicht vergessen kann er jedoch die schwierigen Begleitumstände, mit denen seine Mitarbeiter und er aufgrund dieser Krise umgehen müssen. Die Hilfe auf Landkreisebene, unter anderem aufgrund der Zusammenarbeit mit der Heimaufsicht, bezeichnet er als sehr lobenswert. "Der Landrat hat sich zuletzt bei uns gemeldet und sich nach dem Gesundheitszustand der Menschen erkundigt", verrät Jens Fuhl. Auch der Bezirk Unterfranken als Kostenträger der Einrichtung habe seine Unterstützung signalisiert.

Von bayerischer Ebene erhofft sich Fuhl mehr Hilfe, wie er auch zuletzt bereits kritisierte. "Es geht dabei nicht um die Bezahlung der Kräfte oder um Schutzausrüstung", sagt er. Vielmehr sollten die Einrichtungen Unterstützung von einem Stamm krisenerprobter Fachleute erhalten. Dieses Kriseninterventionsteam könnte dann, so der Wunsch von Jens Fuhl, vor Ort die Beteiligten coachen. Das wäre gut investiertes Geld, "denn wir haben jetzt gemerkt, wie verwundbar wir sind, obwohl wir uns monatelang vorbereitet haben".

Bei allen Notfallplänen werde beispielsweise die psychische Ausnahmesituation der Mitarbeiter, dass sie ihren Dienst bei nachweislich infizierten Menschen leisten müssen, nicht berücksichtigt. Ein Signal von höherer bayerischer Stelle kam bislang aber noch nicht an.