Bad Neustadt

Kommentar: Öfter mal mit offenen Augen durch seine Stadt gehen

Eine historische Tafel am Hohntor von Bad Neustadt. Foto: Christian Hüther

Vielleicht kennen Sie dieses Phänomen auch. Man läuft oder fährt an einer beliebigen Stelle in seiner Stadt vorbei und misst dieser keiner besonderen Bedeutung bei. Kenne ich doch schon seit einer gefühlten Ewigkeit, die Macht der Gewohnheit eben. Und irgendwann entdeckt man an dieser Stelle etwas, das man dort noch nie gesehen hat. Denkt man zumindest. "War das schon immer so?" oder "Ist das neu?" sind dann meist ungläubige Fragen an seine Mitmenschen oder einen selbst.

So erging es mir zuletzt auch, als ich von der Stadthalle am Friedhof vorbei durch das Hohntor in Richtung Innenstadt von Bad Neustadt gelaufen bin. Da stach mir plötzlich die dort angebrachte, historische Tafel aus dem Jahr 1840 ins Auge mit einer Bekanntmachung, dass Peitschenknallen während der Mittagszeit untersagt ist. Das würde schließlich "ruhestörenden Lärm" verursachen.

Hängt das schon lange da? Sicherlich, aber ist bis jetzt noch nicht in mein Bewusstsein durchgedrungen. Vielleicht auch, weil die Augen mittlerweile wohl häufiger in Richtung Handy-Display starren, als die Umgebung mustern.

Nicht zuletzt die ausgedehnten Spaziergänge im Frühjahr, als der Corona-Lockdown das öffentliche Leben – abgesehen von den Hamsterkäufen in den Supermärkten - für einige Wochen nahezu zum Erliegen brachte, haben zumindest mir gezeigt, was es für hübsche Ecken in der eigenen Stadt gibt, an die man im hektischen Alltag gar nicht denkt oder die einem schlichtweg unbekannt sind.

Es lohnt sich also vielleicht durchaus, seinen Blick fortan etwas genauer durch seine Stadt schweifen zu lassen. Oder beispielsweise auch als langjähriger Neuschter Bürger an einer Stadtführung teilzunehmen. Das ist mit Abstand schließlich auch in Corona-Zeiten ohne schlechtes Gewissen machbar.

Übrigens: Dass die historische Tafel doch nicht ganz so unbekannt ist, zeigte die Reaktion meiner schon länger nicht mehr in Bad Neustadt lebenden Schwester, als ich ein Foto davon in einem sozialen Netzwerk postete. "Das hängt doch an der Mauer, bevor man durch das Hohntor in die Stadt geht, oder?" 1:0 für sie.