Bad Neustadt

Glosse: Umleitung

Während das Leben in Ballungsräumen immer hektischer wird, geht es in der Heimat gemütlich zu. So benötigte man für den Bau eines simplen Verkehrskreisels in Brendlorenzen gefühlte fünf Jahre. Setzt man dabei die versiegelte Fläche ins Verhältnis zur Bauzeit, kommt ein Wert heraus, der sogar den Flughafen Berlin Brandenburg noch in den Schatten stellt.

"Gut Ding will Weile haben!" Mit dieser Tatsache sehen sich jetzt auch die Bürger des geprüften Stadtteils Herschfeld konfrontiert. Dort wurde mit der Sanierung der Falltorstraße begonnen. Ein Jahrhundertprojekt. Dass die geplante Gesamtbauzeit von drei Jahren eingehalten wird, glaubt kein Mensch. Für die Anwohner der angrenzenden Wohngebiete sind die ruhigen Zeiten vorbei. Denn natürlich nutzen smarte Autofahrer nicht die ausgeschilderte Umleitung, sondern suchen per Navi "Schleichwege" durch schmale Parallelstraßen. Na und! Sollen Omis und Kinder eben rechtzeitig zur Seite springen! Dass Lärm krank macht, glauben höchstens Verschwörungstheoretiker. Wenn Lärm wirklich krank machen würde, wären sämtliche Bewohner der Falltorstraße längst tot.

Mal Klartext: Für die NES 20 hat man zehn Millionen verplempert. Sie wurde schon vor der Sperrung der Falltorstraße kaum genutzt. Kein Wunder: Wer stattdessen durch Herschfeld brettert, spart drei Minuten Lebenszeit. Irgendwo ist auch Schluss mit "Entschleunigung". Natürlich könnte das Problem durch eine Schranke gelöst werden, die auch nach Abschluss der Bauarbeiten verhindert, dass man am Ende der Kirchstraße zum "Campus" abbiegen kann. Aber dann würde sich ja die Fahrzeit für ein paar Dürrnhöfer um fünf Minuten verlängern.

Außerdem entspricht eine Einschränkung des Individualverkehrs nicht der Philosophie unserer Granden. Für sie hat "Freie Fahrt für freie Bürger" Priorität - und nicht der Mensch. Sie haben eben noch Benzin im Blut. Schließlich lebt unser schönes Industriestädtchen vom Auto. Nur wenn immer mehr SUV die Straßen verstopfen, könnte der gewohnte Lebensstandard uns Ältere gerade noch aushalten. So gesehen war es nur konsequent, dass man besagte "Schleichwege" erst auf Anregung erboster Bürger mit "Anlieger frei"-Schildern versehen hat. An die hält sich natürlich auch keiner.

Echte Anwohner staunen über das, was da vorbeirauscht: WÜ, FD, SW, MGN, Fahrschulen, Lkw, Taxis und Malteser-Krankenfahrten. Sogar Fahrzeuge mit der Aufschrift "Wir sind Campus" wurden gesichtet. Alles "Anwohner"! Und die Polizei kann doch nicht ständig Stichproben durchführen, um sich die Ausreden von schlecht bezahlten Krankenschwestern anzuhören, die zur Schicht hetzen.

Die ganzen Hoffnungen der Betroffenen ruhen deshalb auf dem neugewählten Neuschter Bürgermeister. Er kann jetzt zeigen, was er "drauf" hat. Der junge Herschfelder weiß aus eigener Erfahrung, was Campus-Verkehrs-Horror bedeutet. Trotzdem: Was wäre Herschfeld ohne seinen Campus? Ein verkehrsberuhigtes Nichts, ein Konglomerat ohne Zentrum. Es war völlig richtig, auch noch die Kreisklinik auf den verkehrstechnisch ungünstigen "Siechenberg" zu verlegen. Nur so konnte der Landkreis jede Verantwortung für medizinische Grundversorgung endgültig auf einen profitorientierten Konzern abwälzen, der bekanntlich nicht nur zu den beliebtesten, sondern auch zu den größten Arbeitgebern der Region zählt, wie der tägliche Autowahnsinn beweist.

Die Rhön-Klinikum AG selbst übt sich übrigens auch in "Entschleunigung". Nicht nur beim Gewinn. Gerade ältere Patienten loben immer wieder, dass man sie bei der Aufnahme in der "Fabrik" trotz aller Hektik erst einmal zur Ruhe kommen lässt, bevor sie einen Arzt zu Gesicht kriegen. Stundenlang. Man muss sich das vorstellen.