Bad Neustadt

Glosse: Pandemische Bezirksliga

Frühling in der Heimat. Was für ein Wetter! Man kann über den Klimawandel ja sagen was man will, aber blauer Himmel und strahlender Sonnenschein machen einfach gute Laune. Daran ändern auch die Spätfröste nichts, die bei uns seit ein paar Jahren den Beginn der Trockenzeit anzeigen. Wie läuft‘s denn so rund um unser schönes Industriestädtchen? Es geht voran! Sorgten wilde Partys in der Karwoche früher immer wieder für Ärger, werden die so genannten "Stillen Tage" in diesem Jahr penibel eingehalten. Die Polizei greift hart durch. Na also, geht doch!

Optimismus auch in der Corona-Krise: Im Landkreis liegt die "Verdopplungszeit" mittlerweile bei 10 Tagen. Allerdings nur nach korrigierter Zählweise. Die wird bei uns - wohl auf Wunsch des Landrats - seit dem 1. April angewandt. Es handle sich dabei beileibe nicht um einen Aprilscherz, wie ein Sprecher des Landratsamts hastig versicherte. Bei der sogenannten "Rekonvaleszenz-Korrektur" (RK) wird von der Summe der gemeldeten Infektionen kurzerhand die Anzahl der Geheilten abgezogen. Warum nicht? Der Verlauf der Pandemie im Landkreis erscheint dadurch in einem wesentlich günstigeren Licht. Ob man wohl auch die Zahl der an Corona Verstorbenen abzieht? Gott sei Dank gibt es bei uns noch keine!

Sicher, aus medizinischer Sicht erscheint eine derartig korrigierte Fallzahl völlig sinnlos. Jedes Kind weiß mittlerweile, dass sich etwa 60 Prozent einer Population anstecken muss, um die sogenannte "Herdenimmunität" zu erreichen, die als Voraussetzung für ein natürliches Abklingen der Pandemie gilt. Und bei diesen 60 Prozent sind die Geheilten natürlich einzurechnen. In unserem Landkreis entsprechen 60 Prozent etwa 47 000 Menschen. Deprimierend, finden Sie nicht? Psychologen raten in Krisenzeiten deshalb generell zum "Schönrechnen". Das stärke die Kampfmoral!

Und zählt man nicht auch bundesweit mit zweierlei Maß? Hinken nicht auch die Zahlen des Robert-Koch Instituts regelmäßig denen der Johns Hopkins Universität um ein paar Tausend hinterher? Obwohl uns alle Nachrichtensprecher seit Wochen tagtäglich mit einer Begründung dieser Differenz langweilen: So richtig einleuchten will sie niemandem. Genau so wenig wie die "RK" in der Heimat. Warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht?

Mal Klartext: Gerade in Krisen stehen Landkreise im Wettbewerb. Und ihre Granden erst recht! Schon aus rein sportlicher Sicht möchte man besser aufgestellt sein als die anderen. Auch China ist stolz darauf, Corona besser zu meistern als die USA. Aufmerksame Leser der Heimatzeitung wissen, dass unser Landkreis in der pandemischen "Bezirksliga" zunächst den Spitzenplatz belegte. Aber schon kurz nach Saisonauftakt stieg völlig überraschend der Landkreis Kitzingen - ein Außenseiter! - zum Tabellenführer auf. Ausgerechnet!

In "KT“"ist die Zahl der Infizierten niedriger als bei uns. Ärgerlich! Und das, obwohl dort viel mehr Menschen leben und die Bevölkerungsdichte mit 133 Einwohnern pro km² fast doppelt so hoch liegt. Erschwerend kommt dazu, dass sich der Rivale noch nicht einmal den Titel "Gesundheitsregion" auf die Vereinsfahne schreiben darf. Was haben wir, das Kitzingen nicht hat? Die "Bierdimpfel" am Hotspot Kreuzberg? Das höhere Durchschnittsalter? Wen wundert es da, dass patriotische Landräte einfach die Zählweise anpassen? Von wegen "Foul"!

Und wer wird deutscher Meister? Mein Tipp: "Meck-Pomm"! Gerüchten zufolge seien unsere Granden sogar bereit, noch einen Schritt weiter zu gehen. Sollte Kitzingen seinen Spitzenplatz behaupten, würde man von den korrigierten Fallzahlen notfalls auch noch die Mehrwertsteuer abziehen. Brutto für netto. Man muss sich das vorstellen!