Bad Neustadt

Glosse: Nachlese

Die Heimat will von Corona nichts mehr wissen. In der Zeitung, im Internet, im Fernsehen, im Rundfunk: nur noch Corona. Ständig erklären uns selbsternannte Hobby-Virologen ungefragt die Welt der Seuchen. Von "Reproduktionszahl" oder "Inzidenz" ist dann die Rede. Sie wissen nicht was die "Inzidenzdichte" ist? Schämen Sie sich! "Die Inzidenzdichte ist die Anzahl der Neuerkrankungen dividiert durch die unter dem Risiko einer Erkrankung verbrachte Personenzeit." Alles klar?

Den Ureinwohner treiben derweil ganz andere Fragen um. Zum Beispiel, wann der nächste Billigflieger endlich wieder Richtung "Ballermann" startet. Über Corona ist alles gesagt: Abstand halten, Maske tragen, Hände waschen – Basta. Sicher, im Herbst könnte uns eine zweite, weit verheerendere Welle gewissermaßen "den Rest geben". Bei der Spanischen Grippe kam es so! Aber verhindern wir das, wenn wir uns verrückt machen? "Vom Wiegen wird die Sau nicht fett!"

Andere Themen sind auch wichtig! Nehmen Sie die Kommunalwahlen. Sie wurden vor lauter Corona zwar registriert, aber nicht interpretiert. Warum nehmen wir es als gottgegeben hin, dass in unserem schönen Industriestädtchen nur noch die Hälfte der Wahlberechtigten zur Wahl geht? Eine gute Frage! Offensichtlich hängt es irgendwie mit dem Alter zusammen. Denn in randständigen "Nestern", aus denen schon fast alle Jungen ausgeflogen sind, fällt die Wahlbeteiligung regelmäßig höher aus. So lag sie beispielsweise in Willmars bei 81,5 Prozent. Warum zeigen sich in unserem Oberzentrum junge Menschen politisch so desinteressiert?

Auf Kreisebene ist das ja klar: Es ändert sich einfach nichts. Uns Alten gefällt das! Warum sollte sich etwas ändern? Uns geht’s doch gut! Die morsche Utopie vom "ewigen Wachstum" wird uns schon noch aushalten. Und nach uns die Sintflut. Aber die Jungen! Wenn unser alter, neuer Landrat verspricht, den alternativlosen Systemwechsel "mit Maß und Ziel" voranzutreiben, obwohl die Uhr tickt, törnt das junge Leute eher ab. Und natürlich hat man im Neuschter Rathaus in den letzten Jahren viel für die Wirtschaft getan.

Aber "Fridays for Future" tickt eben anders! Man fordert, dass der Mensch – nicht die Wirtschaft! - im Mittelpunkt politischen Handelns steht. Viele stört auch die traute Harmonie, mit der man im Stadtrat fraktionsübergreifend scheinbar alles "durchwinkt". "Eine Demokratie, in der nicht gestritten wird, ist keine", giftete Altkanzler Helmut Schmitt. Nehmen Sie unsere Grünen. Was ist nur aus den „"Revoluzzern" geworden? Trotz einer jugendlichen neuen Stadträtin liegt das Durchschnittsalter der Fraktion bei ca. 57 Jahren. "Hip" ist anders! Böse Zungen behaupten, die grünen Stadträte absolvierten Abstimmungen im Stil einer seniorengerechten Yoga-Übung: Einatmen – Hand heben – ausatmen.

Und keine einzige Frau mehr in einer Spitzenposition! Vom ersten Bürgermeister bis zum allerletzten Landrat-Stellvertreter: Männer! Warum der Landrat plötzlich drei Stellvertreter braucht, versteht auch kein Mensch. Schwächelt er? Ein paar Kleingeister haben sich tatsächlich über die zusätzliche Aufwandsentschädigung in Höhe von 500 Euro pro Monat aufgeregt. Lächerlich! Jeder Minijobler verdient fast genauso viel.

Mal Klartext: Die Corona-Krise zwingt Frauen, zu Hause unbezahlte Kinderbeaufsichtigungsarbeit zu leisten. Aber wie reagiert der Handwerker, wenn ihm bei uns eine Frau die Haustüre öffnet? "Is der Chef aach dahämm?" Wie vor 100 Jahren! Dafür sitzt jetzt eine Kreisrätin im Beirat der Rhön-Kreisklinik. Sie vertritt völlig unbefangen die Interessen der Wählerinnen und Wähler gegenüber einem profitorientierten Klinik-Konzern, bei dem sie selber hauptberuflich angestellt ist. Man muss sich das vorstellen!