Bad Neustadt

Glosse: Maiglöckchen

"Alles neu macht der Mai", heißt es in der Heimat. Wie wahr. Klima- und Corona-Krise setzen frische Impulse. Über Jahrzehnte haben konservativen Granden "Bewährtes" konserviert. Aber jetzt brechen verkrustete Strukturen auf. Wandel liegt in der Luft. Klimawandel zum Beispiel. Das scheint jetzt sogar bei den Bauern angekommen zu sein.

Nicht irgendein "Öko-Spinner", nein, ein "gstandener" Landwirt aus der Heimat, der Kreisobmann des Bauernverbandes Mathias Klöffel, hat jetzt ausgerechnet bei "Fridays for Future" klare Worte gefunden. Er beschrieb unseren Landkreis als "Dürre-Hotspot".

Sein Kollege Sepp Braun ging noch weiter. Der Bauer aus Freising erklärte ohne Umschweife, die Landwirtschaft mit "all ihren Auswüchsen" sei hauptverantwortlich für den Klimawandel. Der Insider muss es ja wissen. Er fordert einen "radikalen Umbau". Also keinen mit "Maß und Ziel". Verantwortlich für die Misere wären aber nicht die Bauern selbst, ach woher, schuld sei alleine die Politik. Sie hätte die Landwirtschaft "komplett gegen die Wand gefahren". Die letzten sechs Bundeslandwirtschaftsminister waren allesamt "Schwarze". Fünf davon gehörten der CSU an.

Ein Neustart ist überfällig. An anderer Stelle hat er bereits stattgefunden. Während die USA und die Rhön-Klinikum AG gerade erleben, wie segensreich es sich auswirkt, wenn alte Männer an der Macht kleben, weht durchs Neuschter Rathaus ein frischer Wind. Michael Werner, der Herschfelder, der frischgebackene Bürgermeister unseres schönen Industriestädtchens, ist gerade einmal 31 Jahre jung. Ob er bei seiner Vereidigung persönlich anwesend war? Gerüchten zufolge hätte er sich im Wahlkampf ja bisweilen von seinem Zwillingsbruder Marcus "doubeln" lassen, der als Stadtrat mittlerweile ebenfalls im Rathaus ein und aus geht. Na und? Das Rathaus als Familienbetrieb!

Die Zwillinge gleichen sich aufs Haar. Mal ehrlich: Letztlich ist es doch völlig wurscht, wer was macht. Hauptsache der Laden läuft! Es bleibt in diesem Fall ja ohnehin in der Familie. Und in der Fraktion. Eine "Doppelspitze" - natürlich! Das Gehalt reicht locker für zwei. Aus der Heimatzeitung erfuhr man kürzlich, dass der Neuschter Bürgermeister pro Monat 8328,20 Euro scheffelt. Plus Zulage. Kein Cent zu viel! Warum ein Geheimnis daraus machen? Bei der Besoldung öffentlicher Ämter beugt Transparenz spießigen Neid-Debatten vor.

Auch in ökologischer Hinsicht herrscht Aufbruchsstimmung. So dürfen aufgrund von Corona ab sofort keine schwedischen Birkhühner mehr importiert werden. Schade. Der Spuk hat ein Ende. Gleichzeitig beschleunigt die Dürre den natürlichen Waldumbau. Das "Land der offenen Fernen" wird immer offener. Vor unseren Augen vollzieht sich ein Naturwunder: Teile der Wälder verwandeln sich langsam aber stetig in baumlose Trockensavannen. Auch die weisen eine große Artenvielfalt auf. Denken Sie an die Serengeti! Die spannende Entwicklung läuft ganz von selbst ab. Wichtig ist nur, dass das wertvolle Totholz im Wald bleibt.

Was gibt es schöneres, als im Wonnemonat durch einen verdorrten Wald zu spazieren und sich von ihm zu verabschieden? Und dazu "Volxmusik" im EarPod: "Der Mai ist verkommen, die Bäume sterben aus." Trallala! Natürlich muss diese Transformation wissenschaftlich begleitet werden. Das geplante Biodiversitätszentrum sollte deshalb möglichst rasch hingeklotzt werden. Genau wie die neue Fachschule für Holzbildhauer.

Noch sprudeln öffentliche Mittel. Das dürfte sich demnächst radikal ändern. Schon empfiehlt der Rechnungshof den Kommunen, ihre "Prioritäten neu zu bestimmen". Was, wenn sich die Corona-Krise hinzieht? Was hat dann Priorität? Das Triamare - oder die Stadthalle? Man muss sich das vorstellen.