Bad Neustadt

Glosse: Kahlschlag

So konservativ unsere Heimat auch daherkommen mag, wenn‘s drauf ankommt, schreckt man bei uns vor radikalen Maßnahmen nicht zurück. Tabula rasa! Nehmen Sie nur das Erscheinungsbild unserer Kreisstadt. Zugegeben: Romantiker stehen auf denkmalgeschützte Gebäude. Aber Denkmalschutz darf dem Fortschritt nie im Weg stehen! Da wäre falsche Romantik fehl am Platz. Ob nun die alte Stadthalle, die Villa Jessenberger oder das ehemalige BayWa-Lagerhaus: Weg mit dem "alten Gerütsch"!

Hat nicht auch die kühle Funktionalität moderner Architektur ihren Reiz? Das bestimmende Stilelement: der "Neuschter Klotz". Wo sonst prägt ein Pappkartonlager das Stadtbild? Wo sonst ziert ein überdimensionierter Schuhkarton die historische Stadtmauer? Neuscht ist - und bleibt! - ein schönes Industriestädtchen. Und so sieht es auch aus. Wozu sich immer mit Bad Kissingen vergleichen? Bei uns wird Geld nun mal nicht mit "Flair" verdient. Unsere Granden haben in puncto Stadtentwicklung in den letzten Jahrzehnten stets ein, sagen wir, „sicheres Händchen“ bewiesen. Und das sieht man auch.

Aber über Geschmack lässt sich eben streiten. Lassen wir uns nicht alles kaputtreden! Ein paar Nörgler gibt es immer. Jüngstes Beispiel: Der Kahlschlag am Campus. Was für ein Hype! Und alles nur, weil man dort bei einer "normalen Pflegeaktion" einen Waldstreifen abgeholzt hat. Komplett. Tabula rasa! Die armen Tiere. Du liebe Güte! Ein paar der 500 Bäume werden schon krank gewesen sein. Dafür sieht man jetzt von Herschfeld aus die "Neuro" in unverhüllter Pracht. Fast ein wenig "nackig" sieht sie aus. Finden Sie nicht

Und von wegen "zerstörter Sicht- und Schallschutz": In 50 Jahren ist doch alles wieder zugewachsen. Die Kinder werden es noch erleben. Vielleicht. Wenn das Klima mitspielt. Und wer sagt denn, dass Kahlschlag immer sinnvoll sein muss? Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro hat trotz weltweiten Protestgeschreis dem Wald den Krieg erklärt. Das ist kein Witz! Wer hat den Geniestreich am Campus angeordnet? Wer? Unsere "Alt-Grünen" schweigen. Wie immer. Die Granden sollten sich ein Beispiel an Bolsonaro nehmen. Er bekennt sich wenigstens zu seinen (Un)Taten

War am Ende der Bürgermeister verantwortlich? Seine Amtszeit endet in ein paar Wochen. Unpopuläre Maßnahmen schrecken ihn nicht mehr. Immerhin hat er glaubhaft versichert, dass das Fällen der Bäume am Campus "nichts" zum Klimawandel beiträgt. Rein gar nichts. Auch Deutschland trägt bekanntlich nichts zum Klimawandel bei. Wir blasen nämlich nur einen Mini-Bruchteil des globalen CO2-Ausstoßes in die Luft. Das gleiche gilt für den Straßenverkehr, die Kohlekraftwerke und die Landwirtschaft. Sogar jeder Einzelne trägt bekanntlich so gut wie nichts zum Klimawandel bei. Wozu sollten wir also ausgerechnet bei uns etwas ändern?

Das Ganze ist mehr, als die Summe seiner Teile. Was für ein cleveres "Totschlagargument"! Unser Noch-Bürgermeister ist ein alter Fuchs. Aber vielleicht steckt ja auch die Rhön-Klinikum-AG hinter dem Skandal. Warum nicht! Hat sie der Stadt nicht schon den Kurpark abgeschwatzt? Auch dort stehen Bäume. Noch! Und wirken die Betonklötze auf dem "Siechenberg" nicht zunehmend "parodontös"? Genau wie alte Zähne. Sie werden immer länger, weil der sie umgebende Wald schrumpft.

Mal Klartext: Die Rhön-Klinikum AG zählt zu den attraktivsten Arbeitgebern der Heimat. Jeder Mitarbeiter, jede Mitarbeiterin wird das bestätigen. Ja oder nicht? Wer kann also etwas dagegen haben, dass der Campus ewig wächst? Ein Segen für die Region! Vielleicht wird es auf dem Klinikhügel bald keinen Wald mehr geben. Na und! Dann gibt es eben eine Seilbahn. Man muss sich das vorstellen.