Bad Neustadt

Glosse: Widersprüche

In einer immer komplexeren Welt müssen die Bewohner der Heimat lernen, mit Widersprüchen zu leben. Nehmen Sie die Landwirtschaft. Landwirte sehen sich heute ja in erster Linie als Naturschützer, wie sie im Rahmen ihrer beliebten "Sternfahrten" immer wieder zum Ausdruck bringen. Biologen, die von moderner Landwirtschaft natürlich keine Ahnung haben, widersprechen. Sie machen folgende Rechnung auf: Während auf einem verwilderten Grundstück etwa 100 Pflanzen- und 1000 In-sektenarten vorkommen, leben in einem intensiv genutzten Maisfeld genau drei Arten: Mais, Maiszünsler und Wildschweine. Deshalb sind bei den Vögeln ja auch die "Agrarlandarten" am stärksten bedroht.

Als Gegenmaßnahme empfehlen Theoretiker wie Andreas Fleischmann von der Botanischen Staatssammlung/München in der SZ allen Ernstes Folgendes: "Nehmen Sie den Maßnahmenkatalog zur Flurbereinigung – und tun Sie das Gegenteil!" Es ist eine Schande! Natürlich verstricken sich unsere Granden, die die Flurbereinigung ja als "Erfolg" begreifen, vor dem Hintergrund derartiger Forderungen ungern in Widersprüche. Schließlich will man es sich auf dem Land ja nicht mit den Bauern verderben. Am besten gar nicht darüber reden. Vor allem vor Wahlen!

Auch das Wort Nitrat bleibt Tabu. Es reicht völlig, wenn man in Sonntagsreden gebetsmühlenhaft beteuert, wie "wertvoll" Wasser ist. Das Trinkwasser der Stadtwerke war in Herschfeld bekanntlich jahrzehntelang von so hervorragender Qualität, dass es Kinder gar nicht trinken durften. Aber warum sollten Erwachsene trinken, was Kindern schadet? Überall Widersprüche! Wir karren die wachsenden Müllberge unserer "Öko-Modellregion" umweltfreundlich (per Lkw!) in die ehemalige "Ostzone" und importieren dafür sauberes Trinkwasser aus Thüringen.

Neben einer allzu intensiven Landwirtschaft gilt bekanntlich der Flächenverbrauch als Hauptursache für den Artenschwund. Leider nimmt unsere Heimat auch diesbezüglich einen bundesweiten Spitzenplatz ein. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) wurden in Rhön-Grabfeld in den letzten Jahren vier mal mehr Wohnungen gebaut als nötig. Die Folge: Leerstand. Man entdeckt ihn überall. Anstatt rings um die verödeten Ortskerne randständiger "Käffer" ein Neubaugebiet nach dem anderen auszuweisen und dabei Biotope gleich hektarweise zu vernichten, setzen moderne Städteplaner auf "verdichtete Bebauung". Und zwar in der Nähe von Arbeitsplätzen, um so Berufsverkehr zu vermeiden.

Aber ausgerechnet im Ortsteil Herschfeld, der alltäglich in einer wahren Blechlawine erstickt, versuchen engagierte Anwohner jetzt, die "Urbanisierung" unseres schönen Industriestädtchens per Bürgerbegehren zu blockieren. Es ist genau wie beim Wülfershäuser Windpark: Prinzipiell sei man schon dafür, nur eben nicht vor der eigenen Haustür. Sonst würden Rotmilane "zerhäckselt", bzw. "Heckenbiotope" zerstört. Überall das Gleiche. Aber keine Panik: Fortschritt lässt sich nicht aufhalten.

Mal ehrlich: Gab es dort, wo heute die Häuser der Initiatoren des Bürgerbegehrens stehen, früher nicht auch "wertvolle Heckenbiotope"? Wann stuft man die Falltor- bzw. Kirchstraße in Herschfeld endlich zur Ortsverbindungsstraße zurück und sperrt sie für den Durchgangs- oder zumindest den Lkw-Verkehr? Warum verbietet man trotz Wildsau-Plage und Klimawandel nicht endlich die absurde "Winterfütterung"  von Wild? Warum investiert der Landkreis nicht in Windkraft und beteiligt seine Bürger am Gewinn? Und warum stellen eigentlich unsere "Alt-Grünen" solche Fragen nie? Der Mensch steckt voller Widersprüche. Und unsere Granden sind eben auch nur Menschen. Man muss sich das vorstellen.