Bad Neustadt

Corona am Campus: Wie das Rhön-Klinikum die Versorgung sicherstellt

Insgesamt 132 Intensivbetten gibt es am Rhön-Klinikum Campus in Bad Neustadt. Die Corona-Pandemie sorgt für einen erhöhten Koordinationsaufwand, damit auch in Notfällen immer genügend von diesen zur Verfügung stehen. Unser Symbolfoto zeigt ein Intensivbett in einer Klinik in Rost... Foto: Bernd Wüstneck/dpa

Bundesweit gab es am vergangenen Samstag mehr als 23 000 Corona-Neuinfektionen. Und auch im Landkreis Rhön-Grabfeld steigen die Fallzahlen seit Tagen kontinuierlich an, ohne dabei einen größeren Hotspot ausmachen zu können. Nackte Zahlen, die nicht nur viele in der Bevölkerung, sondern auch die Verantwortlichen und Ärzte am Rhön-Klinikum Campus in Bad Neustadt derzeit sicherlich mit Sorge betrachten.

Es sind mehr Covid 19-Patienten als während der ersten Welle im März, die derzeit behandelt werden müssen. Das erklären die Campus-Verantwortlichen auf Nachfrage dieser Redaktion und das bestätigt auch Dr. Michael Dinkel, Chefarzt der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin am Rhön-Klinikum Campus. Alleine am vergangenen Freitag (6. November) waren es 19 stationär behandelte Covid-19-Patienten, drei davon auf der Intensivstation. Aktuell sind am Campus zwei Covid-Stationen in Betrieb - eine Überwachungsstation und eine Intensivstation für Patienten, die beatmet werden müssen.

Ohne Maske und Abstand an der frischen Luft

Man nehme die Lage sehr ernst, habe beispielsweise entsprechende Maßnahmen wie ein Besuchsverbot zum Schutz der Patienten eingeführt, heißt es vom Campus weiter. Dennoch habe es erst am vergangenen Wochenende einen Fall gegeben, bei dem sich ein Patient gemeinsam mit einem Bekannten an der frischen Luft ohne Maske und Abstand aufgehalten habe. Der Patient habe sich laut Dinkel aber schnell einsichtig gezeigt.

Darüber hinaus gibt es am Rhön-Klinikum einen internen Stufennotplan, der es ermöglicht, geregelt auf Veränderungen des Infektionsgeschehens und auf ansteigende Covid 19-Patientenzahlen zu reagieren. Zudem teste man gezielt Patienten und Mitarbeiter und halte sich dabei an die vom Robert Koch-Institut empfohlene Teststrategie.

Auch Dr. Michael Dinkel spricht davon, dass man intern Möglichkeiten habe, weiter zu reagieren, wenn es notwendig sei. Damit ist in erster Linie die Situation bei den Intensivbetten gemeint, deren freie Kapazitäten zuletzt bundesweit gesunken sind.

Intensivregister gibt Auskunft über Anzahl belegter Betten

Wie stellt sich die Situation in diesem Bereich am Rhön-Klinikum Campus dar? Dies lässt sich unter anderem im Register der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) nachvollziehen. Wie es auf deren Homepage heißt, erfasst dieses DIVI-Intensivregister täglich die freien und belegten Behandlungskapazitäten in der Intensivmedizin von etwa 1300 Akut-Krankenhäusern in ganz Deutschland. Seit April sind die Krankenhäuser zu einer Meldung ihrer verfügbaren Kapazitäten verpflichtet. Außerdem werden die aktuellen Fallzahlen intensivmedizinisch behandelter Covid-19-Patienten aufgezeichnet. Das Ziel: Engpässe in der intensvimedizinischen Versorgung im regionalen und zeitlichen Verlauf zu erkennen.

Für Rhön-Grabfeld meldet das Register Stand Montag, 9. November, 11 Uhr, dass sich derzeit neun Corona-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung befinden, davon werden drei invasiv, also durch einen Schlauch in der Luftröhre beatmet. Der Anteil von Covid-19-Patienten an der Gesamtzahl der verfügbaren Intensivbetten im Landkreis beträgt demnach 6,82 Prozent. Aber: Von insgesamt 132 verfügbaren Intensivbetten am Campus sind derzeit 120 belegt - also größtenteils von Nicht-Covid-Patienten.

Puffer an Betten besteht immer

"Das ist jedoch immer eine Momentaufnahme", so Dinkel, der auf die funktionierende, laufende Regelversorgung verweist und darauf, dass der Campus auch nur die Anzahl der Intensivbetten meldet, die mit dem derzeit verfügbaren Personal tatsächlich betrieben werden kann. Einen Puffer an Betten, wie er auch jetzt bestehe, werde immer bereitgehalten, um auf mögliche Notfälle vorbereitet zu sein. Es sei dann die Aufgabe der Planer, Operationen, die nicht dringlich sind, möglicherweise zu verschieben. Das so frei werdende OP-Personal könne dann für die Intensivstationen eingesetzt werden.

Das hat auch zur Folge, dass gegebenenfalls zeitlich begrenzt keine Patienten außerhalb des Landkreises aufgenommen werden könnten, um die Versorgung in Rhön-Grabfeld sicherzustellen. "Denn das ist unsere Aufgabe", so Dinkel. Im Frühjahr hatte man am Campus noch Bereitschaft gezeigt, beispielsweise Corona-Patienten aus anderen Teilen Deutschlands aufzunehmen.

35 High-Care-Behandlungsplätze

Was das Intensivregister auch angibt, ist die Verfügbarkeit von jenen Intensivbetten, die invasive Beatmungsmöglichkeiten besitzen. Am Rhön-Klinikum Campus gibt es laut Dr. Michael Dinkel 35 von diesen sogenannten "High Care"-Behandlungsplätzen. Diese bieten laut Definition vollständige, intensivmedizinische Therapiemöglichkeiten. Diese Plätze benötigen diejenigen Patienten, die lebensbedrohlich verletzt oder erkrankt sind oder Patienten, bei denen eine Organunterstützung notwendig ist.

Zudem hält der Campus sogenannte Intensivüberwachungseinheiten vor. Dort werden Patienten behandelt, die zwar keine invasive Beatmung benötigen, dafür aber eine ständige Überwachung. In beiden Fällen braucht es für die Erkrankten rund um die Uhr Ärzte und Pflegefachkräfte.

Ampel steht derzeit auf grün

Um die Verfügbarkeit von Letztgenanntem macht sich Dinkel, der gleichzeitig auch das Amt des Landesvorsitzenden des Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten in Bayern bekleidet, schon seit längerer Zeit Sorgen. Denn auch wenn die Ampel für die Verfügbarkeit der erwähnten Betten am Campus derzeit auf grün steht, könne es durchaus in der Zukunft passieren, dass Betten zwar grundsätzlich frei sind, aufgrund von Personalmangel jedoch nicht betrieben werden können.

Vom schlimmsten Fall, der sogenannten Triage - das heißt, dass bei Engpässen entschieden werden muss, welche verletzte Patienten zuerst oder bevorzugt behandelt werden - sei man laut Dinkel aber in Bad Neustadt noch weit entfernt. "Aber auch darauf wären wir vorbereitet", fügt er an.

Impfstoff ab Anfang kommenden Jahres?

"Wir sind zuversichtlich, den Ansturm an Corona-Patienten stemmen zu können", blickt der Mediziner vorsichtig optimistisch in die kommende Tage und Wochen, ohne zu wissen, ob und wann der "Teil-Lockdown" seine gewünschte Wirkung entfaltet. Er schätzt, dass vielleicht schon Anfang des kommenden Jahres zunächst Risikogruppen und Krankenhauspersonal einen Corona-Impfstoff erhalten könnten, um dann eine Immunabwehr auf breiterer Fläche in der Bevölkerung zu haben.