Bad Königshofen

20 Jahre EEG: Wie hat sich Energieerzeugung in Bürgerhand entwickelt

Die Geschäftsführer der Agrokraft GmbH, Michael Diestel und Mathias Klöffel, blicken zurück auf 20 Jahre EEG, aber auch in und in die Zukunft:

Frage: Am 20. Jahrestag des EEG wurde die Meldung in den Medien verbreitet, dass die Erneuerbaren Energien im ersten Quartal 2020 52 Prozent der deutschen Stromerzeugung lieferten, haben Sie das erwartet?

Ja, das ist ein toller Erfolg, wir können aber noch mehr produzieren und irgendwann 100 Prozent erreichen! Eine der Kernfragen ist, wie man Potential und Verbrauch in Einklang bringt, dafür ist die Weiterentwicklung des Strommanagements wichtig.

Als das EEG in Kraft trat, haben Sie gleich das Potenzial und die Notwendigkeit des Ausbaus der Erneuerbaren Energien erkannt?

Seit 2004 arbeiten wir schon an und in Gemeinschaftsprojekten. Der dezentrale Ausbau der Energieerzeugung aus Sonne, Wind und Biomasse bietet Anlegern und Lieferanten Verdienstmöglichkeiten, schützt die Umwelt und lässt die Wertschöpfung in der Region.  

Die erste Biogasanlage im Landkreis entstand in Bad Königshofen, waren Sie damals sicher, dass sie ein Erfolg wird?

Im Gegensatz zu vielen anderen Anlagen nutzen wir Wärme und Strom gleichermaßen, das machte uns sicher. 2006 war noch nicht damit zu rechnen, dass wir neben Kurbetrieb, Schulen und anderen großen Abnehmern auch Teile der Altstadt mit Wärme versorgen. Heute wird in Bad Königshofen ein Äquivalent von über 700.000 Liter Heizöl nur durch die Abwärme der Biogasmotoren ersetzt.

Welche Rolle spielt der Genossenschaftsgedanke beim Ausbau der Erneuerbaren Energien?

Jeder Bürger war eingeladen in den gegründeten Energiegenossenschaften von den EE auch wirtschaftlich zu profitieren. Unser Ziel: Energieproduktion in Bürgerhand. Über den Genossenschaftsgedanken ist es möglich geworden, das notwendige Kapital zu generieren, damit in die eigene Region zu investieren und Erlöse bei den Menschen und den Gemeinden (Gewerbesteuer) in der Region zu halten. Allein in Großbardorf summiert sich die Gewerbesteuer für die Gemeinde aus EE-Projekten seit dem Jahr 2006 auf einem hohen sechsstelligen Betrag. Somit ist das EEG eine Wirtschaftsförderung für den ländlichen Raum.

Die Corona-Krise zeigt, dass der Globalisierung Grenzen gesetzt sind. Für wie sinnvoll halten Sie die vorgeschriebenen europaweiten Ausschreibungen für größere Investitionen?

Unser Prinzip ist das Zwiebelschalen- bzw. Kirchturmprinzip. Wenn die Menschen vor Ort mit ihrem Geld die Energiewende finanzieren können, braucht es keine überregionale Ausschreibung. Dieser Grundsatz sollte für alle Europäer gelten. Jede Gemeinde, jede Region muss ihr eigenes Ding machen können! Das ist der Ansatz Raiffeisens. Und es ist vielleicht auch die wichtigste Erkenntnis aus der Corona-Krise. Viele Probleme können vor Ort viel einfacher gelöst werden als im Europaparlament.

Ein Blick in die Zukunft: Wieviel Potenzial sehen Sie noch bei der Erzeugung von Strom und Wärme im Landkreis?

Der ländliche Raum kann liefern, was gewünscht ist. Doch nicht nur Strom und Wärme, sondern darüber hinaus beispielsweise auch Treibstoff (Gas). Damit werden regionale Wertschöpfungsketten weiter gefördert. Weiterhin haben wir mit unserem bundesweit einmaligen Gemeinschaftsprojekt "Wildpflanzen-Blühfelder" bewiesen, dass wir die Erzeugung von Biomasse mit Biodiversität kombinieren können.

Welche Forderungen haben Sie an die Politiker?  

Sie sollten endlich den Umstieg auf EE als große Chance für Klimaschutz, Energiesicherheit, Weltfrieden und Entwicklung ländlicher Räume ansehen und vorantreiben.

Hinweis der Redaktion: Die Autorin ist Mitglied im Verein "Energie-Initiative Rhön-Grabfeld".


Artikel: https://www.rhoenundsaalepost.de/lokales/aktuelles/bad-koenigshofen/art24132,830686

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