Sternberg

Gewaltige Epidemien bedrohten das Leben schon immer

"Von Pest, Hunger und Krieg erlöse uns, o Herr!" beteten die bedrängten Menschen durch die Jahrhunderte. Und auch in unsere Tagen ist es einmal wieder so weit, dass eine gewaltige Epidemie unser Leben bedroht. Dass dies schon in der Vergangenheit wiederholt vorkam, ist kein Geheimnis. Anhand der Unterlagen in diversen Chroniken unserer Heimat ein kleiner Überblick über Seuchen und Epidemien der Zeit ab 1600.

1607 brach die Pest in Merkershausen aus, der 101 Personen, darunter Ortspfarrer Melchior Sang und seine Haushälterin zum Opfer fielen. Dazu findet sich im Gemeindearchiv folgende ergänzende Notiz: "… Der Schulmeister hat jetziger Zeit (1607) mehr nit als 12 Schüler und ist die Schule abgegangen, weil es des Orts sehr gestorben hat."

Seuchen im Dreißigjährigen Krieg

Im Dreißigjährigen Krieg 1618-48 fielen auch zahlreiche Menschen ausgebrochenen Seuchen zum Opfer. So schrieb Benefiziat Schwinger 1899 in seiner Pfarreigeschichte von Wülfershausen: "Nebst dem Krieg wegen dessen sich viele flüchteten, war es namentlich das Nervenfieber, welches die Soldaten in die Ortschaften brachten, das dieselben entvölkerte, so dass viele Orte Wüstungen wurden, oder die Menschen in größeren Orte, wie Wülfershausen, die leer stehenden Gebäude übernahmen."

1710 starben in Wülfershausen 51 Personen, meist im Alter zwischen 30 und 40 Jahren. 1713 grassierte eine ansteckende Seuche, bei der 41 Wülfershäuser, meist Kinder, starben. 1714 waren es 27. Im März 1720 grassierte hier erneut eine sehr tödliche Seuche, die roten Flecken. 1757 gab es in Königshofen ein großes Kindersterben. In einem Monat verstarben 14 Kinder an ruhrartige Darmkrankheiten. Einer schweren Grippeepidemie in der Grabfeldstadt fiel auch 1759 der bekannte Bildschnitzer Johann Joseph Keßler mit seiner Frau zum Opfer. Sie hinterließen drei unmündige Kinder. Damals starben in Königshofen rund 40 Personen an der Epidemie.

Heftige und gefährliche Krankheit

1772 brach in unserer Heimat erneut eine große Seuche aus. Das Untereßfelder Pfarrbuch berichtet: "1772 war fast in der ganzen Welt eine so heftige und gefährliche Krankheit, dass die meisten Kranken starben und fast niemand zum anderen ging aus der Furcht der Ansteckung. Weshalb vom Fürstbischof den Ärzten befohlen wurde, Arme wie Reiche zu besuchen und ihnen mit Medikamenten und Nahrungsmitteln an die Hand zu gehen. In Wülfershausen starben in dieser Zeit allein 76 Personen zwischen 30 und 50 Jahren, dagegen lag der jährlich Durchschnitt dort sonst bei sechs Toten."

Ein schlimmes Jahr war auch 1811. In vielen Gemeinden der Rhön und des Grabfelds hielt Gevatter Tod reiche Ernte. Das Betreten der "verdächtigen Häuser" war bei Strafe verboten. Die nötigen Erfordernisse sollten den Kranken durchs Fenster gereicht werden. Die Schulen wurden damals ebenfalls geschlossen

Nervenfieber in Mellrichstadt

Michael Müller berichtet 1879 in seinem Buch über den Bezirk Mellrichstadt: "Im Februar 1813 fing in Mellrichstadt und Umgegend das Nervenfieber zu regieren an und raffte viele Menschen hinweg. Es wurde damals durch erkrankte Württemberger Soldaten in die Stadt gebracht, die das sog. Spitalfieber zurückließen. Es erlosch aber im Mai wieder. Ende 1813 leerten die Franzosen ihre Spitäler in Sachsen und am Rosenkranzfest kamen die ersten Kranken und Verwundeten in Mellrichstadt an. Bei schlechten sanitätspolizeilichen Anstalten und Einrichtungen brach das Nervenfieber mit großer Heftigkeit erneut aus, so dass in Mellrichstadt 137 Personen starben. Auch auf den Dörfern riss die Krankheit viele Lücken in die Familien. In Oberstreu starben 51 Leute.

Im Februar 1868 starben an den so genannten Blattern (Pocken) in Wülfershausen fünf Personen. Sie mussten ohne Begleitung der Gläubigen beerdigt werden, um sie vor Ansteckung zu schützen. Im Ganzen starben damals in der Gemeinde 17 Erwachsene und fünf Kinder. Erneut wurde die Saalegemeinde 1890/91 durch eine Seuche heimgesucht. 1890/91 fielen hier eine Diphterie-Epidemie über 60 Mitbürger zum Opfer.

Spanische Grippe wütete

Am Ende des Ersten Weltkriegs 1918 lastete der Druck des Kriegs immer schwerer auf Dörfern und Städten. Nahezu alle Männer standen im Feld. Die Arbeit konnte von den Daheimgebliebenen kaum noch bewältigt werden. Schlimm wütete in den letzten Monaten des Jahres 1918 die so genannte Spanische Grippe und forderte zahlreiche Opfer. Deshalb ging ein Aufatmen durch Stadt und Land, als am 11. November 1918 zwischen den kriegführenden Parteien Waffenstillstand geschlossen wurde.

Laut Eintrag in der Online-Enzyklopädie Wikipedia war die Spanische Grippe eine Influenza-Pandemie, die durch einen ungewöhnlich virulenten Abkömmling des Influenzavirus verursacht wurde, sich gegen Ende des Ersten Weltkriegs zwischen 1918 und 1920 in mindestens zwei Wellen verbreitete und rund 50 Millionen Todesopfer forderte. Eine Besonderheit der Spanischen Grippe war, dass ihr vor allem 20- bis 40-jährige Menschen erlagen, während Influenzaviren sonst besonders Kleinkinder und alte Menschen gefährden. Ungeachtet des irreführenden Namens, der auf zeitgenössische Zeitungsmeldungen zurückgeht, gehen die meisten Wissenschaftler heute davon aus, dass die Pandemie ihren Ursprung in den USA hatte.

Aus der Chronik der Familie Reichtert aus Herbstadt ist zum Jahr 1918 überliefert: "Im Herbst trat dann die Grippe sehr stark auf. Und starben auch viele Personen. 14 Tage vor Allerheiligen wurden unsere Knaben Ludwig und Heinrich krank. Meine Frau Emma pflegte sie und erkältete sich wahrscheinlich dabei stark. An deren Folgen starb sie schließlich am 31. Oktober 1918 im Alter von nur 37 Jahre an Herzschwäche. Infolge der Aufregung beim Tode seiner Frau, wurde Valentin schwer krank und musste monatelang das Bett hüten, zumal die Kriegsverletzungen ihren Tribut zollten. 1919 musste Valentin deshalb zwei Knechte und eine Magd einstellen, um die anstehenden Arbeiten in seinem 72 Tagwerk umfassenden Betrieb zu bewältigen."

Hausmittel halfen wenig gegen Seuchen

Gegen Seuchen halfen auch die in alter Zeit gebräuchlichen so genannten Hausmittel wenig. So ist überliefert: "Bei Magenleiden tranken die Landleute Wermuthtee. Bei 'Furunkel-Hünnschüwel' (Hühneraugen) helfe, jeden Morgen auf nüchternen Magen eine Tasse Lindenblüten- oder auch Schlehenblütentee zu trinken. Gegen Grippe helfe fleißiges Trinken von Schnaps. Rauchen gar schütze gegen Ansteckung, glaubte man. Kleinere Schnittwunden, die sich der Bauer auf dem Felde oder sonst bei seiner Arbeit zuzog, wurden "beschifft", d. h. mit dem eigenen warmen Urin ausgewaschen, denn dann eitere und entzünde sich eine dermaßen behandelte Wunde nicht und heile rasch wieder zu."


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