BASTHEIM

Familie Brunn sucht ihre Wurzeln

Sechs jüdische Familien lebten bis 1938 in Bastheim. Eine davon war die von Abraham Brunngässer. Wie der Nachname schon sagt, wohnte die Familie mit ihren insgesamt acht Kindern in der Bastheimer Brunnengasse. Eines dieser Kinder war Gustav Brunngässer (geb. 1893), der kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges in die Vereinigten Staaten auswanderte. Fast 80 Jahre später besuchte nun mit Ralph Brunn einer der Enkel von Abraham Brunngässer und Sohn von Gustav Brunngässer die alte Heimat. Mit dabei seine Tochter und weitere Familienangehörige.
Die amerikanischen Gäste schauten sich das Geburtshaus von Ralph Brunn in der Bastheimer Brunnengasse mit Interesse an. Foto: Fotos (2): Klaus-Dieter Hahn

Neben Wertheim und Frankfurt, wo die Familie von Gustav Brunngässer nach ihrem Fortzug (1926) aus Bastheim bis zu ihrer Emigration lebte, gehörte auch Bastheim zu den Abstechern auf dieser Reise. Bürgermeisterin Anja Seufert und Dorfchronist Hermann Leicht hießen die interessierten Besucher aus den USA mit dem Wertheimer Stadtführer Udo Klüpfel im Sitzungssaal des Rathauses willkommen. Während das Ortsoberhaupt den Besengau und insbesondere Bastheim vorstellte, ging der frühere Lehrer Hermann Leicht auf all die alten Unterlagen ein, die er über die Bastheimer Juden im allgemeinen und die Familie Brunngässer im besonderen im Gemeinde- und Pfarrarchiv, ja sogar, in den alten Unterlagen der Bastheimer Schule gefunden hatte. Und das war nicht wenig.

Neben alten Familienstandsbögen, Klassenlisten und dem jüdischen Matrikel hatte er bei seinen Recherchen sogar das alte Schulzeugnis von Großvater Gustav Brunngässer zutage gefördert, was natürlich von den amerikanischen Gästen besonders freudig angeschaut wurde.

Während Ralph Brunn und seine Familienangehörigen an allem interessiert waren, was mit den familiären Wurzeln zu tun hatte, wollten Bürgermeisterin und Dorfchronist, aber auch mit Ludwig und Irmgard Neller die jetzigen Eigentümer des früheren Brunngässer-Anwesens, mehr über Ralph Brunn wissen. Der bald 92-Jährige konnte detailliert und lückenlos seine Lebensgeschichte schildern.

Als die Judenverfolgung in Deutschland begann, war Gustav Brunngässer mit seiner Familie 1935 nach Frankfurt gezogen, wo man sich unter den vielen Juden sicher glaubte. Früh reifte allerdings dann doch der Gedanke zu emigrieren. Im November 1938 waren die Ausreiseunterlagen bereits vorhanden gewesen. „Mein Vater war auch Jäger gewesen und hatte daher viele Gewehre in seinem Besitz gehabt. Eines Tages waren wir zur Ablieferung der Gewehre aufgefordert worden. Zusammen mit meinem Vater brachte ich die Gewehre auf die Polizeiwache. Dort wurde mein Vater verhaftet.“ Er kam ins KZ nach Buchenwald. Für 10.000 Reichsmark konnte der Vater mit Hilfe eines Frankfurter Rechtsanwalts frei gekauft werden.

Mit viel Glück blieb die Wohnung der Brunngässers in der Reichspogromnacht verschont. Nur kurze Zeit nach der Rückkehr des Vaters aus Buchenwald schiffte sich die Familie im französischen Le Havre ein und betrat in Baltimore amerikanischen Boden. Während Ralph als 14-Jähriger die Schule dort besuchte und nebenbei Zeitungen austrug, vermochten Mutter und Schwester mit kleinen Nebenjobs die Familie über Wasser zu halten. Vater Gustav als früherer Gewürzverkäufer fand zunächst keine Arbeit. Erst später kamen mit den Möbeln auch die eigene Gewürzmühle und eine Mischtrommel in den USA nach.

Nachdem Gustav Brunngässer zwei Tage lang bei einem großen Gewürzkonzern gearbeitet hatte, musste er das Unternehmen schon wieder verlassen, da man auch dort antisemitisch geprägt war. Schließlich gelang es Ralphs Vater, sich in Baltimore und dank der Unterstützung vieler dortiger deutscher und jüdischer Auswanderer, aber auch eines Rotterdamer Unternehmens selbstständig zu machen. Nach dem amerikanischen Kriegseintritt und in den Nachkriegsjahren schaffte es Gustav Brunngässer mit einer pfiffigen Idee, mit einem eigens für die berühmte Baltimorer Krabbenindustrie kreierten Mischgewürz, dem „old bay seasonning“, auf der Erfolgsleiter nach oben zu klettern. Unter der Regie von Ralph Brunn und dessen Vater entwickelten sich neben Baltimore drei weitere Standorte in North Dakota, Texas und Nevada. Als 60-Jähriger verkaufte Ralph Brunn 1985 das erfolgreiche Unternehmen.

Gerne nahm Bürgermeisterin Anja Seufert die Gelegenheit wahr und bat die Gäste um einen Eintrag ins Goldene Buch der Gemeinde, bevor man sich abschließend gemeinsam das ehemalige Brunngässer-Anwesen – es diente in der Nazizeit auch zwölf Jahre lang als Rathaus – anschaute.

Ralph Brunn trägt sich, umgeben von Familienangehörigen, in das Goldene Buch der Gemeinde ein. Links: Bürgermeisterin Anja Seufert. Foto: Klaus-Dieter Hahn