publiziert: 02.08.2013 10:40 Uhr
aktualisiert: 02.08.2013 14:33 Uhr
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„Windpark darf nicht im Desaster enden“

Genossenschaften tragen Windkraftprojekt symbolisch zu Grabe – Aufgeben wollen sie aber nicht

Sie sind enttäuscht, sie haben auch schon ein wenig resigniert und sie verlieren unter Umständen eine Menge Geld. Die Genossenschaftsmitglieder des Windparks zwischen Streu und Saale machten in einer symbolischen Beerdigung ihrem Unmut über die ihrer Meinung nach ungerechtfertigt reduzierte Genehmigung des Windparks mit verminderter Windenergieanlagenzahl und wochenlanger Abschaltbedingung beim Greifvogelflug Luft. Nach einem Trauerzug wurden in den Reden am „Grab“ der Energiewende und des Windparks deutliche Worte gesprochen.

  • „Schade, dass ihr Euch so dumm anstellt“ steht auf einem Kranz bei der symbolischen Beerdigung der Energiewende im Landkreis Rhön-Grabfeld. 
    Foto: Kritzer
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„Schade, dass ihr euch dumm anstellt!“, steht auf einem Kranz, den Windpark-Projektleiter Markus Werner hinter einem hölzernen Sarg herträgt. Signiert sind die Schleifen des großen Kranzes mit „Eure Nachfahren“. Es klingt schon ein wenig Resignation in den Grabesreden zur Energiewende und vor allem zum Windpark zwischen Streu und Saale mit. Knapp 200 Genossenschaftsmitglieder sind zur symbolischen Beerdigung der Energiewende in Bayern und im Landkreis Rhön-Grabfeld sowie zur Grablegung des Windparks zwischen Streu und Saale gekommen. Gemeinsam tragen sie den Sarg vom Ortseingang Mittelstreu auf eine Wiese nahe Unsleben, wo sich die genossenschaftliche Trauergemeinde vor dem Plakat mit der Aufschrift „Hier ruht die Energiewende in Bürgerhand“ gegenseitig Trost und Mut zuspricht, ein schwieriges Projekt irgendwie doch noch zu realisieren. Zum Trauermarsch gespielt von der Musikkapelle Unsleben.

Vier Jahre lang dauern nun die Planungen für den genossenschaftlichen Windpark an, für ein Projekt auf 700 Hektar Fläche zwischen Autobahn A71 und den Flüssen Streu und Saale. Mit rund 1.900 Grundstückseigentümern wurde gesprochen, 400 Grundstücke wurden unter Dach und Fach für den Ausbau eines bayernweit, wenn nicht deutschlandweit einzigartigen genossenschaftlichen Windparkprojektes gelegt. Doch das Landratsamt räumte als Genehmigungsbehörde dem Rotmilan und der Wiesenweihe einen höheren Stellenwert ein und genehmigte das Projekt nur mit strengen Auflagen an denen sich nun die Friedrich Wilhelm Raiffeisen Windpark Streu und Saale eG genauso erzürnt wie die sechs untergeordneten Dorfgenossenschaften mit ihren insgesamt 490 Mitgliedern.

    
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Michael Gottwald, Bürgermeister von Unsleben, sieht sich mit einem Scherbenhaufen konfrontiert. „Es wäre ein Projekt geworden, auf das die Region hätte stolz sein können.“ Niemand in den insgesamt sieben Antrag stellenden Genossenschaften freut sich über das Ergebnis des langwierigen Genehmigungsverfahrens. Dem Vogelschutz wurde bei der Genehmigung der 18 beantragten Windenergieanlagen viel Bedeutung beigemessen und sechs Anlagen aus dem Windpark gestrichen (wir berichteten). Die übrigen 12 dürfen gebaut werden, allerdings unter hohen Auflagen und Abschaltoptionen, sollten seltene Greifvögel in den Sommermonaten in der Nähe der Windkraftanlagen gesichtet werden. Ein wirtschaftlicher Betrieb der millionenschweren Windräder ist unter diesen Voraussetzungen für die Betreiber nicht mehr erkennbar.

„Der Wind hat sich gedreht“, vermutet Peter Schmitt, Vorsitzender der Genossenschaft Windpark zwischen Streu und Saale. „Unser wandlungsfähiger Ministerpräsident hat zweimal die Gegner angehört, aber nicht die Befürworter dieses Windparks“, so Schmitt. Scharfe Kritik äußerte Agrokraft-Geschäftsführer Mathias Klöffel am Landratsamt. „Es sei ein Vorzeigeprojekt, eines der besten in ganz Bayern. So klang es einst aus dem Landratsamt“, sagte Klöffel und fragte nach: „Wollen wir die Energiewende oder wollen wir sie nicht? Oder sind das alles nur Sonntagsreden?“

Auch einen Seitenhieb auf die Elektromobilitätsstadt Bad Neustadt sparte Klöffel nicht aus. „Das ist doch ein Witz mit solchen Genehmigungen!“ Die Zornesröte steigt dem Geschäftsführer auf, wenn er in ausgewiesenen Vorrangflächen für Windenergie aus Naturschutzgründen genauso auf Windräder verzichten muss wie in der von Windkraftanlagen aus Naturschutzgründen bereits frei gehaltenen Rhön. Klöffel erinnerte an die vor geraumer Zeit aus Gründen des Naturschutzes beendeten Projekte bei Aubstadt und Breitensee. Zwar müsse der Naturschutz beachtet werden, jedoch nicht in übertriebenem Maße, so Klöffel. Der Rotmilan als Aasfresser nutzt beispielsweise die Autobahn gerne als gedeckten Tisch mit tot gefahrenen Tieren. „Sperren wir etwa die Autobahn, wenn der Rotmilan Beute entdeckt hat?“, fragte Mathias Klöffel.

Michael Diestel, ebenfalls Geschäftsführer der Agrokraft und einer der maßgeblichen Motoren des Windparkprojektes, sieht genügend Raum für den Naturschutz im Landkreis gegeben. Diestel ging zudem auf die Kritiker des Projektes vor allem aus Hendungen ein. „Nur von dort regt sich Widerstand“, sagte Diestel. „Aus den übrigen fünf Dörfern kommt hingegen kein negatives Echo!“ Michael Diestel sieht vor allem die bislang investierten 1,2 Millionen Euro der Genossenschaftsmitglieder in Gefahr. „Wenn wir jetzt dieses Geld aufgeben, ist die Raiffeisen-Idee im Landkreis Rhön-Grabfeld gestorben“, sagte Diestel und sprach den Zuhörern Mut zu. „Banken und Investoren fordern uns jetzt bereits auf, unbedingt an dem Projekt festzuhalten. Was in der Region so verheißungsvoll begonnen hat, darf nicht in einem Desaster enden.“

Wirklich zu Grabe tragen will den Windpark Streu und Saale aber noch keiner der Genossenschaftsmitglieder. Vielmehr wird über rechtliche Schritte nachgedacht, die letztlich auf einen Kompromiss mit der Genehmigungsbehörde hinauslaufen könnten, wie Peter Schmitt vermutet. „Wir beerdigen hier auch die Absichtserklärungen und die Glaubwürdigkeit unserer politischen Mandatsträger“, sagte Schmitt auf der Wiese nahe Unsleben. „Aber wir beerdigen nicht den Windpark zwischen Streu und Saale!“

Von Stefan Kritzer
    
    

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